Zeltferien für Lohas-Familien

Ein Kunstwort beschreibt die junge Form der traditionellen Zeltplatzferien: «Glamping» setzt sich aus «Glamour» und «Camping» zusammen. Der Urlaub in fest installierten Komfortunterkünften auf dem Campingplatz ist nicht zuletzt bei Familien mit nachhaltigem Lebensstil beliebt.

«Du drehst dich morgens wegen der Rückenschmerzen auf der Luftmatratze und hast als Erstes eine klatschnasse, kalte Zeltwand im Gesicht – das brauche ich nicht mehr», sagt Tanja K. Dabei sieht die Mutter zweier Knaben im Alter von fünf und sieben Jahren durchaus die romantische Seite des Campings. «Es geht darum, eine Zeit lang sozusagen draussen zu leben, die Natur direkt zu spüren und sich von den strikten Regeln des ‹zivilisierten› Alltags zu lösen.»

Das sollen ihre Jungs auch erfahren, und sie freuen sich deswegen enorm auf die Ferientage auf dem Campingplatz von Sitten im Wallis. Dort haben Tanja und ihr Mann für eine Woche einen «Zeltbungalow» gemietet. «Man kann darin stehen, er hat mehrere Schlafräume und eine kleine Küche mit Kühlschrank.» Auf dem gleichen Zeltplatz sind noch weit luxuriösere Unterkünfte zu haben, «aber die waren, als wir uns im Frühsommer für diese Art der Ferien entschieden haben, alle bereits ausgebucht.»

Der «Family-Pod»

Glamping, die Kombination aus Glamour und Camping, liegt im Trend. Der TCS, mit 23 Plätzen grösster Camping-Anbieter der Schweiz, hat sein Angebot von reinen Stellparzellen um feste Installationen wie sogenannte «AirLodges», «Bungalows», «Cabanes», «Family Pods Deluxe», «Mobilhomes» und «Safari-Zelte Deluxe» erweitert. Mit zwei Effekten: Zum einen wird eine neue Kundschaft angezogen, die bisher eher in Hotels oder Ferienwohnungen Urlaub buchte. Zweitens wird die Rentabilität durch die bequemere, aber auch teurere Form des Campings deutlich gesteigert – nicht nur wegen des höheren Umsatzes pro Quadratmeter, sondern auch, weil die witterungsfesteren Unterkünfte viel besser und viel länger ausgelastet sind als die Zeltparzellen. «Die Zahlen», sagt TCS-Generaldirektor Jürg Wittwer, «belegen ganz klar, dass wir damit den Zeitgeist treffen und die Bedürfnisse der heutigen Camping-Generation abholen.»

Das «Safari-Zelt Deluxe» verfügt über Möblierung, Parkettboden …Wir leben mitten in der Stadt und besitzen weder Auto noch Zeltausrüstung.

Mehr als nur bequem

Und diese Bedürfnisse sind weit mehr als ein hedonistischer Auswuchs der Konsumgesellschaft. Wer hinschaut, erkennt, dass Glamping nicht zuletzt bei der jungen Generation mit einem «lifestyle of health and sustainability» (LOHAS) beliebt ist. Denn der materielle Aufwand für diese Art des Campings ist in der Gesamtbilanz geringer, und die Anreise beispielsweise kann auch mit dem öffentlichen Verkehr erfolgen: «Wir leben mitten in der Stadt und besitzen seit Jahren kein Auto mehr, geschweige denn eine Zelt- oder Urlaubsausrüstung», erklärt Tanja. «Wir hätten Zelte, Luftmatratzen und die ganze restliche Ausrüstung für eine Woche Ferien kaufen oder ausleihen müssen.» Das Glamping-Angebot sei die ideale Möglichkeit für Leute mit nachhaltigem Lebensstil, um diesen Typ Ferien auszuprobieren und dabei den geringsten CO2-Fussabdruck zu verursachen: «Wir haben sogar das Gepäck mit dem SBB-Gepäckdienst nach Sitten geschickt und konnten so völlig unbeschwert mit den Kindern ins Wallis reisen.»

…und eine komplette kleine Küche.

In ihrem Freundeskreis ist Glamping verbreitet, erzählt die Angehörige des mittleren Kaders eines Schweizer Grosskonzerns. Den modernen Familien, die schon im Arbeitsleben grösste Flexibilität bei ständiger Erreichbarkeit gewohnt sind, ist die Sharing-Ökonomie des geteilten Nutzens längstens näher als die Schrebergartenmentalität der Nachkriegsgeneration. AirBnB, Uber und Mobility waren die Vorreiter, Glamping verbindet das Nützliche mit dem Angenehmen und dem ökonomischen Trend: nutzen und mieten statt kaufen und herumstehen lassen – wie den Wohnwagen, der 50 von 52 Wochen auf dem Parkplatz vor dem Haus steht.

Das «Tipi» lässt Indianer-Feeling aufkommen.

Erst der Anfang

Der TCS hat diesen Trend erkannt und seine Campings je nach Lage und Publikum oder Auslegung mit den neuen Unterkünften und dem gesamten Angebot aufgerüstet. «Zum Glamping gehören aber weitere Angebote», sagt Oliver Grützner, Leiter Freizeit und Tourismus beim TCS, «sei es ein ansprechendes Restaurant auf dem Platz, ein Wellnessbereich, ein grosses Freizeitangebot, eine Poollandschaft und viel Liebe zum Detail. In der Schweiz stehen wir erst am Anfang dieser Entwicklung.»

Tanjas Familie hat die Woche Glamping in Sitten jedenfalls genossen, die beiden Buben sind vom «Zelten» begeistert. Und das wohl nicht nur, weil sie in den Feldbetten keine Rückenschmerzen und morgens nicht die nasse Zeltwand ins Gesicht gekriegt haben.

Peter Bergmann