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Willst du mit mir streiten?

Das Milizsystem war einst auch die «Schule der Nation» in der Disziplin «Einander Zuhören» – einer Voraussetzung der Demokratie. Sie wird im Begegnungsort «Internet» zusehends zur Herausforderung. Verschiedene Initiativen versuchen, Gegensteuer zu geben.

Ausser ihrer Teilnahme schienen die Paare auf den ersten Blick nichts gemeinsam zu haben: Die Rede ist von den Partizipierenden des Projektes «Die Schweiz spricht» im Herbst 2018 – eines Versuchs, den politischen Diskurs aus den Echokammern und Filterblasen der sozialen Medien heraus und zurück in unsere analoge Welt zu holen.

«Soll sich die Schweiz stärker der EU annähern?» oder «Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?»: 4000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen beantworteten diese und weitere kontroverse politische Fragen im Vorfeld der Treffen mit «Ja» oder «Nein» – und wurden kraft eines Algorithmus so zusammengebracht, dass jene miteinander sprechen sollten, deren Antworten am weitesten auseinanderlagen. «The perfect match» für eine politische Diskussion.

Wo bleibt die Diskussionskultur?
Einander fremde, politisch Andersdenkende für ein offenes Gespräch an einen Tisch bringen – so einfach es klingt, so dringlich schien die Initiative von «die Schweiz spricht». Denn dort, wo verschiedene Meinungen aufeinandertreffen, lohne sich die Konfrontation erst recht. Den meisten geht es im Zeitalter der Digitalisierung schliesslich ähnlich; das Filtern von Informationen wird zu einer unabdingbaren Kulturtechnik, nicht nur im Netz. Dass sich die Debatten zunehmend dorthin verlagern, bringt allerdings plattformspezifische Probleme mit sich. Zwar sind Online-Momente der politischen Partizipation durchaus an die Lebensweisen unserer Gesellschaft angepasst. Das Gefäss begünstigt aber eben nicht nur die «Filterblasen» und «Echokammern», sondern artet an den Fransen aus in Hassrede und Beschimpfung.

In der Schweiz weiss das kaum jemand besser als Tamara Funiciello. Die ehemalige Juso-Präsidentin wurde vor allem im Internet vielfach zur Zielscheibe der Wut. Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, dass sie in Zusammenarbeit mit der Online-News- Plattform «Watson» ein paar ihrer «Hater» stellte, um sie mit ihrem eigenen Verhalten in der echten Welt zu konfrontieren. Auch wenn sich vereinzelt zeigte, dass die Hemmschwelle für beleidigende Kommentare durchaus stieg, so hatten sich bei anderen die Fronten bereits derart verhärtet, dass auch das Gespräch von Angesicht zu Angesicht nur mit Mühe und Not etwas daran ändern konnte. «Man ist so weit, dass man meint, man dürfe solche Dinge wirklich sagen. Face to face», sagt Funiciello auf «Watson». Oder, anders gesagt: Die Menschen übertragen ihr Verhalten aus dem Netz zusehends in die reale Welt.

Dabei gibt es viele Projekte und innovative Köpfe, die versuchen, Abhilfe zu schaffen: Thinktanks, Aktivisten oder auch Organisationen wie die der einstigen Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin, die Opfern von justiziablen Beleidigungen und Verleumdungen im Netz zu ihrem Recht verhelfen.

Andere wollen gegensteuern, die Polarisierung mit einem Auflebenlassen des Diskurses ausbremsen. Aufsehen erregten die Jung-Nationalratsmitglieder Franziska Ryser (Grüne), Andri Silberschmidt (FDP) und Mike Egger (SVP), die unmittelbar nach den Wahlen gemeinsam eine Wohnung in Bern bezogen, um zumindest für die Dauer der Parlamentssessionen auch privat den interparteilichen Austausch zu fördern.

«Ja» oder «Nein», und nichts dazwischen?
Ihnen ist klar: Verständnis ist oftmals eine Frage des Respekts; den anderen ausreden lassen, einander zuhören, Fragen stellen und die eigene Position erklären – ohne geht es nicht. Die politische Diskussionskultur gehört in einer Demokratie schliesslich nicht nur zum guten Ton, sie ist unabdingbar.

Darin schienen sich die meisten Gesprächspartner bei «Die Schweiz spricht» einig zu sein. «Wir haben ähnliche Werte und Ziele. Wir verfolgen einfach andere Wege, um dorthin zu kommen», stellt eine Teilnehmerin im «Tages-Anzeiger» fest. Ein anderer sagte der «Zeit»: «Wenn man den Menschen zuh.rt und versteht, warum sie eine gewisse Meinung haben, hat man ein einfacheres Verhältnis zueinander.»

Veranstalter der Aktion «Die Schweiz spricht» waren das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) sowie Tamedia, «Republik», «WOZ», Watson und «Die Zeit». Als Vorbild konnte die Aktion «Deutschland spricht» dienen, eine Initiative von «ZEIT ONLINE»: 12 000 Menschen hatten sich 2017 vor der deutschen Bundestagswahl angemeldet. Ähnliche Aktionen hat es bereits in Norwegen, Österreich und Dänemark gegeben.»


Jessica Schön | Text