Wenn Macht keine Autorität mehr schafft

Sie repräsentierten einst die Obrigkeit einer «gottgegebenen» Hierarchie: Chefs, Lehrer, Ärzte, Dorfpfarrer oder Professoren waren kraft ihres Amtes über Jahrhunderte unantastbar. Der Wind hat gedreht, nicht zuletzt mit der orkanartigen Digitalisierung. Wer heute ein echter Leader sein will, muss zuerst kräftig Substanz liefern und sich konstant selbst bewerten lassen. Auch in Unternehmen.

Genug war irgendwann genug für Melissa Bowers. Als der Englischlehrerin im US-Bundesstaat Michigan eine Schülerin nach einem kleinen Disput mit den Worten «Meine Eltern bezahlen Ihr Gehalt, das wissen Sie doch!» kam, reichte es ihr. Im Wissen, dass die Kleine recht hatte, streckte sie die Waffen vor den schikanösen, die Schule tyrannisierenden Eltern. «Wenn du eine Autoritätsperson ohne Autorität bist, dann ist es Zeit abzutreten», schrieb Bowers völlig desillusioniert in der «Huffington Post» und kehrte dem Lehrerberuf nach zwölf Jahren den Rücken.

Melissa Bowers steht für Millionen Lehrerinnen und Lehrer auf der ganzen Welt. Ihr einstiger Status als gebildete, viel wissende und vertrauensvolle Menschen inklusive damit einhergehender Autorität ist zumindest in der industrialisierten Welt konsequent zerbröckelt. In der heutigen «Ego-Gesellschaft» werden Lehrpersonen von weiten Kreisen als Dienstleister betrachtet, die gefälligst vorteilhafte Rahmenbedingungen zur Entfaltung von Talenten und Karriereplänen der mittlerweile übergeordneten Schüler sicherzustellen haben.

Befehlston verspielt Autorität
Dieser markante Verlust an Wertschätzung und damit an Einfluss einst unbestrittener Autoritäten wirkt sich speziell auf die Strukturen in ländlichen Gegenden aus. Der ehemalige Dorflehrer, in der Regel vor Ort ansässig und im Gemeinderat politisierend, ist vielerorts abgelöst worden durch ein intensives Wechselregime mit oft schnell ausgebrannten Lehrpersonen, die das Weite suchen. Landarztpraxen werden in Büros für IT-Start- ups umfunktioniert, weil sich kaum mehr junge Mediziner für den Job interessieren. Dorfpfarrer werden nicht mehr von der Gemeinschaft um Rat gefragt, sondern fristen oft ein marginales Dasein in der Gemeinde und kämpfen um jeden Kirchenbesucher.

Der Trend setzt sich ungebremst auch in der Wirtschaft fort. «Früher waren Chefs aufgrund ihrer zugesprochenen Rolle mächtig und autoritär», sagt einer, der es wissen muss: Josef Bachmann, Gründer und Geschäftsführer der Personalberatung Swissconsult, hat im Laufe seiner Karriere auch Erfahrungen in HR-Abteilungen von etlichen Unternehmen gesammelt und war viele Jahre Personalchef. Wenn er an die Siebziger- bis Neunzigerjahre zurückdenkt, fallen ihm diverse CEOs und Abteilungsleiter ein, die mit den Worten «Hier bin ich der Chef, und ich bestimme, was hier gemacht wird» an ihre Mitarbeitenden herangetreten sind. Wer nicht kuschte, stand auf der Strasse. Wer kuschte, blieb zwar, schöpfte aber selten sein volles Leistungspotenzial aus.

Bis heute beobachtet Bachmann in seiner Beratertätigkeit Führungskräfte, die als Mittel der Machtausübung zum Befehlston greifen. Oft seien es ältere Exponenten mit konservativem Stil oder Junge, die sich als Chef erst bewähren müssen. «Erstaunt stellen diese Ewiggestrigen dann fest, dass ihr Wort nichts mehr gilt.» Die Befehlsgewalt sei in Europa und der industrialisierten Welt längst out. Der Status eines Chefs bedeute nicht mehr, dass seine Anordnungen in blindem Gehorsam befolgt werden. «Im Gegenteil, Befehle werden heute als Konfrontation aufgefasst», so Bachmann. Es gelte das Gesetz «actio gleich reactio». Früher sei einer Führungsperson aufgrund ihrer Machtposition automatisch auch Autorität zugesprochen worden. Das sei heute nicht mehr so.

«Autorität und Respekt muss man sich heute erarbeiten.»

Das schaffen nur Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit, ihres Charakters, ihres Wissens und ihrer Erfahrung als diejenigen Menschen anerkannt werden, denen man gerne folgt.» Autorität müsse sich heute ein Chef bei seinen Mitarbeitenden also aktiv erwerben. «Das mag nach Anbiederung klingen, darf aber auf keinen Fall als solche rübergebracht werden», so Bachmann. Autorität erwerben heisse zum Beispiel, den Mitarbeitenden die Gesamtziele der Gruppe transparent zu machen, Wege aufzuzeigen, Vorschläge zu diskutieren, Ansichten der Mitarbeitenden zu berücksichtigen und die Arbeit aller effizient zu koordinieren. «Der Gesamterfolg gehört dann allen, sowohl den Mitarbeitenden wie den Führungspersonen. Gute Resultate stärken wiederum die Autorität und das Ansehen des Chefs.»

 

 

 

Hierarchie passt nicht zur Digitalisierung
Aber auch in erfolgreichen Zeiten kann sich ein Chef, eine Führungskraft, ein Leader ganz generell kaum etwas erlauben. Die erarbeitete Autorität ist kein fixes Asset, sondern muss jeden Tag von Neuem bestätigt und konsolidiert werden. Das hängt ganz eng auch mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft zusammen. So ist Wissen und Kompetenz von heute vielleicht schon morgen überholt und übermorgen gänzlich wertlos. Wer also im Unternehmen in fixen Hierarchiestufen denkt und lenkt, kann modernen Anforderungsprofilen nicht gerecht werden. Um passendes Wissen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort verfügbar zu haben, müssen bewegliche Projektteams formiert und die eingesetzten Skills geschmeidig der Situation angepasst werden.

Für den Arbeits- und Organisationspsychologen Felix Frei ist deshalb unbestritten, dass traditionelle Hierarchiemodelle in Zeiten der Digitalisierung viel zu langsam geworden und daher hinderlich sind. «Das Problem ist nur, dass vor allem grössere Unternehmen dies noch nicht wahrhaben wollen und die Religion der Hierarchie konsequent aufrechterhalten.» Dieses Verharren in verkrusteten und oft wettbewerbsschädigenden Strukturen hänge in erster Linie mit der Angst der Profiteure von Hierarchien zusammen, ihre Macht zu verlieren.

Denn wer Hierarchie konserviert, verhindert damit eine oft demaskierende Transparenz. Exemplarisch zeigt sich dies neben Unternehmen und Organisationen in überspitzter Form in totalitär geführten Staaten.

Je enger der Machtzirkel und je heftiger die gesellschaftliche Kluft zwischen Profiteuren und Unterdrückten, desto unerbittlicher wird mithilfe von Intransparenz an der Hierarchie festgehalten. Sei es mit Zensur und Gleichstellung von Internet und Medien oder mit harten Sanktionen und Mundtotschlag gegen Andersdenkende. «In solchen Systemen haben Regierende ihre Autorität bei der Bevölkerung oft längst verspielt, nehmen dies aber in Kauf und sichern mit wuchtiger Repression gleichwohl ihre Macht», so Frei. Was in Unternehmen mit einem straffen Befehlston also kaum mehr funktioniert, wird auf staatlicher Ebene falls nötig per Faustrecht durchgesetzt.

Dr. Smartphone vs. Götter in Weiss
Während Regimes in Ländern wie China, Russland oder Iran zwecks Machtsicherung dem Volk einfach mal das Internet abschalten oder zumindest damit drohen, müssen Autoritäten in unseren Breitengraden mit anderen Mitteln ihren Besitzstand wahren. Das betrifft nicht zuletzt die Ärzteschaft. Ein weisser Kittel und Professorenbrille reichen heute längst nicht mehr aus, um Glaubwürdigkeit auszustrahlen und Vertrauen zu gewinnen.

«Nicht selten zücken Patienten in Sprechstunden ihre Handys und wollen mit Hinweis auf eine App die Diagnose fast schon gemeinsam erarbeiten», sagt Michael Dietrich, Chefarzt Chirurgie und Orthopädie am Zürcher Waidspital, stellvertretend für zahlreiche Kollegen. Generell würden ärztliche Einschätzungen im Vergleich zu früher öfter hinterfragt und in Zweifel gesetzt, was nicht nur negativ sei. Von Göttern in Weiss sei der heutige Medizinerstatus jedenfalls und glücklicherweise weit entfernt, so Dietrich. «Eher anstrengend und unter Umständen lebensbedrohlich kann es indes werden, wenn Patienten Dr. Smartphone zu ihrer wichtigsten oder gar einzigen Informationsund Therapiequelle erklären.»

Autonomie bedingt Verantwortung Die neue Transparenz, erschaffen durch die unbegrenzten Möglichkeiten der Digitalisierung, hat also einstige Symbole der Macht ins Wanken gebracht. Heute kann sich jedermann über frei zugängliche Daten und Informationsquellen eine Meinung zu sämtlichen Themen bilden und diese via Chats und Social-Media-Posts in die Welt posaunen. Wir sind zu einer Senden-statt-empfangen-Gesellschaft geworden, die über Jahrhunderte fest verankerte Strukturen plötzlich nicht mehr anerkennt und deshalb aufbricht.

Es stellt sich indes die Frage, ob das Tempo der Digitalisierung bei der Demontage von traditionellen Hierarchiemodellen nicht sogar für die vermeintlichen Gewinner dieser Entwicklung zu rasant ist. Denn: Entscheidungsgewalt abgeben heisst immer auch Verantwortung abgeben – was durchaus angenehm sein kann. In der von Felix Frei geforderten neuen Unternehmenswelt, die Substanz über Form stellt, hat das Sichverstecken hinter Vorgesetzten je länger, je weniger Platz. «Ziel muss es sein, dass jeder Mitarbeitende in seiner Rolle innerhalb eines Projekts selbst Entscheide trifft und Verantwortung übernimmt.»

Der Frage, wie man dahin kommt und Effektivität in Teams fördert, hat sich zuletzt selbst Google in einer zweijährigen Forschungsarbeit gewidmet. Der Schlüssel heisst psychologische Sicherheit, die Teammitgliedern Mut zum Risiko und zur Tat verleihen soll, ohne sich vor den Reaktionen der Kollegen zu fürchten. Der Google-Leitfaden umfasst acht Tipps von «Höre deinen Kollegen zu», «Zeige Empathie» und «Sei authentisch» bis zu «Gehe mit gutem Beispiel voran» oder «Zeige auch Demut».

So gut die Tipps auch gemeint sind, Melissa Bowers hätten sie kaum geholfen. Dafür hätte die inzwischen als Journalistin arbeitende Ex-Lehrerin wohl deutlich mehr Erziehungsarbeit mit den Eltern ihrer Schülerinnen und Schüler verrichten müssen.»