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Wenn AI nicht schläft, wie soll sie dann träumen?

Bereits übernehmen «denkende», Daten interpretierende Maschinen auch in den Chefetagen immer mehr Aufgaben. Die
Konsequenz für die menschliche Leadership: Ihre «weichen» Führungsfähigkeiten werden aufgewertet.

Steinzeit-Clanleader dürften sich im Anspruch auf ihre Führungsrolle weniger auf ihre überragende
Intelligenz als sehr pragmatisch auf ihren Mut und ihre körperliche Stärke berufen haben. Durchaus
zu Recht: In der rauen Umwelt der Neandertaler hat entschlossenes, taktisches Handeln zweifellos mehr zum Erfolg beigetragen
als eine auf Fakten basierende, austarierte Strategie.

Schenkt man der einschlägigen Forschung Glauben, dann hat sich allerdings daran bis heute erstaunlich wenig geändert. Sie besagt,
dass Neugier, Kommunikationsfähigkeit und emotionale Stabilität für Führungseffizienz doppelt so viel Wert sind wie der
IQ. Das sind gute Nachrichten für alle, die sich mit den Fortschritten der technologischen Forschung unter dem Sammelbegriff
«Künstliche Intelligenz» befassen. Laut «Gartner Hype Cycle For Emerging Technologies» kostet die Leistung von Deep Learning,
Machine
Learning und der Anwendung des sogenannten Kognitiven Computings bereits jetzt jährlich Millionen von Stellen. Die Digitalisierung,
zeigt sich, ist keineswegs nur die Verlängerung der Automatisierung,
von der Produktionsbetriebe und Blue-Collar-Arbeiter betroffen sind. Mit der Künstlichen Intelligenz hält
sie auch im Dienstleistungssektor und in den Chefetagen
Einzug und degradiert immer mehr Entscheidungsprozesse zu Standardaufgaben.

„Neugierde, Kommunikationsfähigkeit und Stabilität sind für die Führungseffizienz doppelt so wichtig wie der Intelligenzquotient.“

So, wie sich die Clanführung spätestens ab der Erfindung
der Sprache allmählich von Menschen mit ausgeprägten
physischen
auf solche mit besonderen geistigen Fähigkeiten übertrug, so verschiebt sich
der Akzent jetzt, mit der Digitalisierung, noch stärker
von der analytischen, interpretativen Begabung hin zur empathischen, charakterbetonten. Der Vorgang folgt einer längeren
Entwicklung. Waren Patrons noch meist bauchgesteuerte, hierarchisch denkende Könige, so wurden sie dank der zunehmenden
Bedeutung von Zahlen, Fakten und Informationen langsam zu Managern. Mit der Industrialisierung ging es immer mehr um
die korrekte Erfassung von Fakten und deren Interpretation. Letzteres wird mit der künstlichen Intelligenz immer schneller
und objektiver geschehen. Aber das ist noch keine Führung.

Was fehlt? Anpassungsfähigkeit und Vision, denn auch intelligente Maschinen sind noch genau das:
Maschinen. Ihre Weltsicht ist beschränkt auf das, was man ihnen während des Machine Learning eintrichtert. Zu einem Pers-
pektivenwechsel sind sie nicht in der Lage. Doch genau der bringt innovative Ansätze.

„In Zeiten des stetigen Wandels ist Träumen ein Vorteil.“

Auch haben Maschinen keine Vision, die über die
Datenlage hinausgehen kann, davon sind zumindest auch die Autoren eines Artikels in der Harvard
Business Review überzeugt. Der Grund ist einleuchtend. Visionen brauchen Fantasie und Träume. Und da
Maschinen bekanntlich nicht schlafen müssen, bleibt ihnen dies vorenthalten. Oder eben verwehrt. Träume und Fantasie werden
ein Killer-Asset der Menschen bleiben: Denn gerade in Zeiten des stetigen Wandels ist es häufig wertvoller, Fantasie zu haben, als
alles zu wissen.
Zumindest in den kommenden Dekaden wird Künstliche Intelligenz auch nicht mehr sein als die bisherigen Werkzeuge des Menschen,
um in Führungspositionen Daten besser und schneller zu verarbeiten. Das steigert die Bedeutung urmenschlicher Fähigkeiten
und der Empathie. Wer führen will, muss in Zukunft noch mehr Mensch sein.»

Manuel P. Nappo
Leiter des Institute for Digital Business und des MAS Digital Business
an der HWZ Hochschule für Wirtschaft in Zürich.