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Vielfalt schützt vor Einfalt

Vor einigen Monaten führte ich mit einem gleichaltrigen Mann ein Gespräch, das mich immer wieder einholt. Er hatte sich mit unserem Verein ‹Haus der Religionen – Dialog der Kulturen› auseinandergesetzt, Medienberichte gelesen, Veranstaltungen besucht und mit Menschen gesprochen, die hier am Europaplatz in Bern ein- und ausgehen. Dabei sei ihm besonders klar geworden, wie sehr wir doch alle in unserer eigenen Blase leben. Er hat dann als Beispiel von sich und seinem Freundeskreis erzählt. Auf mich adaptiert würde das heissen: Wir – meine Freunde und ich – sind unterdessen fast alle Eltern, wickeln Babys oder fragen uns, wie viel «Gamen» für unsere Kinder gesund ist, haben zu viel Stress und zu wenig Zeit fürs Wesentliche (?), interessieren uns für YBs nächsten Meistertitel (!), sprechen über dieselben Netflix-Serien (die unsere Frauen schauen), versuchen umweltschonend zu leben (jedenfalls wenn’s grad gäbig ist) und wählen dieselben Leute ins Parlament. Kennen Sie das? Surfen Ihre Bekannten auch auf der gleichen Wellenlänge wie Sie?

Anders sieht es bei mir auf der Arbeit aus: Die Vielfalt der Menschen im Haus der Religionen hilft mir, meine eigene Welt nicht zu verabsolutieren, mich immer wieder von anderen Denkweisen überraschen zu lassen und mehr über andere Perspektiven und über mich selbst zu lernen: Was würde es für mich bedeuten, wenn meine Geschwister an einem unsicheren Ort leben würden? Wenn ich die verfassungsrechtlich geschützte Meinungsäusserungsfreiheit aufgrund meiner Lebenserfahrungen als richtig grosses Privileg schätzen würde? Wenn ich keine E-Mail schreiben möchte, weil ich in der geforderten Sprache des Landes, in dem ich lebe, zu viele Fehler mache? Wenn ich als gebürtiger Berner aufgrund meines untypischen Aussehens ständig in Hochdeutsch angesprochen würde? Wenn insgeheim immer von mir erwartet würde, dass ich mich explizit von grausamen terroristischen Attentaten distanziere? Oder wenn mein jetziges Leben nur ein kleiner Ausschnitt meines Daseins im Kreislauf der Wiedergeburten wäre?

Vielfalt sorgt für Inspiration – Vielfalt sorgt aber auch für viele Falten: Ob im Haus der Religionen oder an anderen Orten, an denen Menschen zusammenleben: Es ist anstrengend, Fragen zu klären, Irritierendes auszuhalten und fürs Erste nicht nachvollziehbaren Meinungen auf den Grund zu gehen. Trotzdem bin ich tief davon überzeugt: Vielfalt schützt vor Einfalt.

David Leutwyler
ist Geschäftsführer des Vereins Haus der Religionen – Dialog der Kulturen und glücklich mit Freundeskreis und Beruf.