Modernisierung der arbeitsgesetzlichen Grundlagen – durchdachte Konzepte sind gefragt

In der Diskussion rund um mehr Arbeitsflexibilität sind die Fronten meistens klar: Die Arbeitgeberseite will ihre Handlungsspielräume erweitern, um auf Auslastungsschwankungen besser zu reagieren und effizienter zu wirtschaften.

Gewerkschaften fürchten ungesund lange Arbeitszeiten und die Streichung von Überstundenzuschlägen. Vor dem Hintergrund eines drohenden Fachkräftemangels und der Möglichkeiten der Digitalisierung wollen immer mehr Wissensmitarbeitende ihre Arbeitsformen und -zeiten individuell gestalten.

Tatsache ist, dass viele Arbeitsweisen mit den heutigen arbeitsgesetzlichen Grundlagen nicht kompatibel sind. Wer zulässt, dass am Sonntag gearbeitet wird, macht sich nach Arbeitsgesetz strafbar. Ebenfalls klar ist, dass die psychosozialen Belastungen durch Arbeitsdruck und -dichte stark zugenommen haben. Der Bedarf nach einem konsequenten Gesundheitsmanagement in den Betrieben ist ausgewiesen.

Will die Schweiz ihren Vorsprung als innovatives Land behalten, muss sie arbeitsgesetzliche Bedingungen schaffen, die moderne flexible Wissensarbeit ermöglichen. Eine Modernisierung muss aus Sicht der SKO folgende Grundprinzipien berücksichtigen:

  1. Präzisierung des Begriffs der höheren leitenden Angestellten, die vom Geltungsbereich des Arbeitsgesetzes ausgenommen sind
  2. Bildung eines Clusters von Arbeitnehmenden mit genügend Autonomie in der Arbeitsgestaltung (Kader, Wissensarbeitende), die nach einem Jahresarbeitszeitmodell mit gelockerten Arbeits- und Ruhezeitvorschriften arbeiten
  3. Ausbau des Gesundheitsschutzes (vor allem im Bereich der psychosozialen Risiken)
  4. Förderung der Eigenverantwortung und der Verantwortung des Arbeitgebers in Bezug auf den Gesundheitsschutz

Zum Cluster von Arbeitnehmenden mit gelockerten Arbeits- und Ruhevorschriften gehören nur diejenigen, die keine Berufe im Schichtbetrieb, mit vorgegebenen Tageseinsatzplänen oder Präsenzpflicht aufgrund von Schalter-, Ladenöffnungs- oder fixen Produktionszeiten ausüben. In diesen Funktionen werden weiterhin die bisherigen strengen Arbeits- und Ruhezeitvorschriften angewendet mit Pflicht zur Arbeitszeiterfassung.

Beim Cluster mit Jahresarbeitszeitmodell machen Anpassungen der Arbeits- und Ruhezeitvorschriften Sinn. So sind eine leichte Reduktion der Ruhezeiten und eine Anhebung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit denkbar, sofern dies über das Jahr hindurch kompensiert werden kann. Dieses Cluster kann freiwillig und ausserhalb des Betriebs Sonntagsarbeit leisten. In Bezug auf die Arbeitszeiterfassung kann hier oberhalb einer branchenspezifisch zu definierenden Salärgrenze die obligatorische Arbeitszeiterfassung entfallen.

Organisationale Gesundheit wird zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor für ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen. Die Berücksichtigung von psychosozialen Belastungsfaktoren und umfassende Konzepte zum Erhalt der Ressourcen sind nicht nur eine Frage sozialer Verantwortung, sondern machen auch ökonomisch Sinn. In der Realität orientieren sich viele Branchen auch heute noch an einem alten Gesundheitsverständnis, das auf Risikofaktoren im Hinblick auf Unfälle im Betrieb ausgerichtet ist. Ein zeitgemässer Fokus muss sich aber auf die gesundheitserhaltenden psychosozialen Faktoren, Ressourcen und Potenziale von Arbeitnehmern ausrichten, die für die Auseinandersetzung mit und Bewältigung von Belastungen wichtig sind. Es geht bei der Entwicklung einer betrieblichen Gesundheitskultur nicht nur um Abbau von Gefährdungen, sondern um die Beteiligung, Wertschätzung und Förderung des selbstverantwortlich aktiv handelnden Arbeitnehmers.

Die SKO engagiert sich für eine Modernisierung des Arbeitsgesetzes. Sie berücksichtigt – als Brückenbauerin – sowohl Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen und entwickelt so kompromiss- und zukunftsfähige Lösungen für die Schweiz.


Jürg Eggenberger