Macht wird verliehen, Autorität wird verdient

Frauen mit Macht in der katholischen Kirche? Ja, das gibts bereits heute, wenn auch nur in bescheidenem Masse – dank unserem dualen System, das weltweit einmalig ist: ein gewähltes Parlament von Frauen und Männern, das statt der Kleriker über Kirchensteuergelder bestimmt!

Macht wird verliehen, wenn man in einem Amt, in einer Funktion tätig ist. Egal, ob das ein Bischofsamt ist oder das eines CEO eines Konzerns. Macht erlaubt, Entscheide zu fällen, die andere dann zu befolgen haben.

Macht verknüpfe ich nicht zwingend auch mit Autorität. Autorität müssen wir uns erarbeiten, sie verdienen. Sie wird uns von Unterstellten
zugesprochen, weil sie feststellen, dass unsere Entscheide sinnvoll und nachvollziehbar sind. Ein Bischof oder ein CEO können Macht haben, aber trotzdem keine Autorität. Für beides gibt es lebende Beispiele.

Habe ich mir eine gewisse Autorität erarbeiten können, muss ich sie jeden Tag wieder neu unter Beweis stellen. In der Kirche kämpfen wir seit Jahrzehnten mit grässlichem Machtmissbrauch, der in sexuellen Übergriffen auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene ausartet. Wenn Macht «vergöttlicht» wird, glaubt sie, alles zu dürfen. Das ist im kirchlichen System des Klerikalismus geschehen, mit unsäglichen Folgen und Opfern.

Gegen diesen Missbrauch von Macht sehe ich ein einziges Rezept: Sie kontrollieren, teilen – auch zwischen den Geschlechtern. Zur Zeit des heiligen Martin wurde der Bischof noch vom Volk gewählt. Jene Person wurde Bischof, die im Volk Autorität besass. Voraussetzungen für Autorität sind also nicht ein bestimmtes Geschlecht oder gar eine bestimmte Abstammung, sondern Klugheit, Willensstärke, Einfühlungsvermögen und Dialogbereitschaft.

Eine gute Portion Demut.

Und die Einsicht, Macht von Autorität zu unterscheiden.»

Franziska Driessen
Franziska Driessen-Reding ist Präsidentin des Synodalrats, der Exekutive der Katholikinnen und Katholiken im Kanton Zürich