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Leadership ist hier Überlebensgarantie

Ein Bergführer redet wenig. Er schreibt noch weniger, er geht einfach voran …

Als Sohn eines Bauern, als Jüngster einer Familie mit vier Kindern in einem kleinen Wal­liser Dorf stamme ich nicht aus einer klassischen Bergführer­dynastie. Schon früh genoss ich es, zu klettern, in den Bergen  zu wandern, Ski zu fahren, ummeine Abenteuer zu erleben und die Freiheit zu geniessen. Bald wurde mir klar, dass ich es liebte, die Emotionen, die ich erlebte, mit anderen zu teilen: Ich wollte Hochgebirgsführer werden.

Wie kommt es aber, dass mich heute bekannte Anwälte, re­nommierte Ärzte, Bankiers, wohl­habende Menschen anrufen, damit ich sie in die Berge bringe? Warum wollen sie, dass ich voran­gehe – warum vertrauen sie mir?

Ich bin kein charismatischer und renommierter Bergsteiger. Eher demütig und von Natur aus zurück­ gezogen, bin ich auch kein grosser (An­-)Führer. Ich denke vielmehr, dass Führung in meinem Beruf kein Selbstzweck ist, sondern eine Überlebensgarantie für meinen Klienten und mich selbst.

Wie artikuliert sich das im Alltag? Ich finde die richtige Zielsetzung. Ich plane die Route bis ins letzte Detail, um Probleme zu erkennen. Ich gebe den richtigen Rhythmus vor. Ich nehme immer den sichersten Weg, gebe klare An­weisungen, bin immer auf  der Hut, um die Gefahr zu erkennen – und vor allem weiss ich, wann es Zeit ist umzukehren, um leben­dig nach unten zu kommen!

Ein echter Führer eilt nicht voraus, ohne sich um das zu kümmern, was hinter ihm passiert.  Nein! Er stellt seine Fähigkeiten in den Dienst anderer. Er begibt sich mit Menschen in eine Seilschaft, die nicht über seine Fähigkeiten verfügen, um ihnen zu helfen, den Traum vom Aufstieg zu leben.

Einfach gesagt ist ein Bergführer ein Leader, weil er führt.
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Samuel Schupbach | Text
Der Sekretär des Walliser Bergführer­ verbandes ist selbst ein leidenschaftlicher Hochgebirgsführer. Man findet ihn auf www.mountainplanet.ch

Ausgabe 3/2019