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Kleider machen Leader

Wohin entwickeln sich in der digitalisierten Welt die Dresscodes in Sachen Arbeitsbekleidung? Und: Ist das Erscheinungsbild in der Wirtschaftswelt wirklich (noch) matchentscheidend?

Die Antwort ist diese: Es ist zwar sicherlich nicht allein ausschlaggebend, wie man aussieht und angezogen ist, um in der Arbeits­ und Geschäftswelt ernst genommen zu werden – aber es kann ganz gewiss helfen. Wenn je­mand einen überzeugenden Auftritt hat, also mit seiner Garderobe, Wesensart, Figur und Frisur im Einklang scheint, ist man eher gewillt, ihr oder ihm Konzepte, Ideen oder Produkte abzukaufen. Natürlich müssen der Inhalt und die Substanz von Produkten, Botschaften und Entscheidungen genauso gewinnend sein.

Allerdings geht es dem klassischen Anzug zunehmend an den sprichwörtlichen Kragen: Die Menschen ar­beiten heute lieber in Jeans und Pullovern als in Hemd und Jackett. Dagegen kann man wenig tun – und man muss es auch nicht, denn die aufgelockerten Kleider­ordnungen entsprechen unserer Zeit, die vom Indivi­dualismus geprägt ist.

Dennoch ist die Verachtung der Klassik ein bisschen bedauerlich, denn die klassische Garderobe wurde von vielen Generationen von Schneidern dazu entwickelt, die meisten Menschen mithilfe von Stoff und Schnitt besser aussehen zu lassen. Sie kann körperliche Ab­weichungen korrigieren, Proportionen harmonischer erscheinen lassen und Mangelzustände in der Fitness kaschieren.

Doch die Klassik stellt sich den Herausforderungen. Die Vorstellung davon, was «ordentlich angezogen sein» bedeutet, ist, wie alles in dieser Welt, im stetigen Fluss. Fotos von Businessmeetings vor 50 Jahren sehen hoffnungslos steif und veraltet aus. Auch die 1980er­Jahre wirken schon von vorgestern. Und die Entwicklung geht stetig weiter. So gibt es heute auch in der Businessgarderobe Elemente, die man vor fünf Jahren noch als sicheres No-­Go angeschaut hätte:

Der Anzug ohne Krawatte beispielsweise – das galt mal als halb fertig angezogen, jetzt ist es normal. Wie das T­-Shirt zum Jackett.

„Die klassische Garderobe ist von Generationen von Schneidern dazu entwickelt worden, Menschen besser aussehen zu lassen.“

Das Zauberwort der Stunde heisst «Smart Casual».  Es bedeutet: lässig – aber nicht nachlässig. Gemeint ist eine Art entspannte Klassik, in der die wichtigen Merkmale der traditionellen Garderobe (Hemd, Hose, Jackett, Krawatte) weiter existieren, deren Gebrauch jedoch aufgelockert ist.

In der Geschäftswelt wird «Smart Casual» immer mehr zum Standard. Statt Anzüge trägt man freie Kombinationen aus Jackett, Hemd und Hose bzw. auf­ gelockerte Varianten des Anzugs und des Kostüms.

Der beliebte Hybrid­-Dresscode «Smart Casual» verbindet Nützliches mit dem Angenehmen, sprich:  Er schlägt einen Mittelweg zwischen Business­ und Freizeitbekleidung vor. Damit sich auch traditionelle Unternehmen ein bisschen New-­Economy­-Flair geben können und die Mitarbeitenden ohne Umziehen vom Meeting zum After­-Work-­Drink wechseln können.

«Smart» meint «schlau» und bezieht sich auf den legeren Look der zeitgenössischen Brainworker, der jungen Menschen, die in Cafés vor ihren Laptops sitzen statt im Grossraumbüro. Man will so clever und Erfolg versprechend wirken wie einer, der kraft seiner Ideen nach ganz oben kommt, nicht seines teuren Anzugs wegen.

„Das Businessmeeting im Unisex-Jogginganzug werden wir noch erleben.“

Denn die Klassik lernt von der Sportswear. So haben viele Hemden bereits Stretch­Beimischungen oder sind aus technischen Stoffen gefertigt; auch die Anzüge sind so leicht und dehnbar wie nie, und manche sind auch bereits aus denselben Stoffen genäht wie Jog­ginganzüge. Dann braucht es eigentlich nur noch ein paar coole Sneakers, und man kann nahtlos und ohne sich umzuziehen vom Büro – ins Fitnesstraining. Jetzt müsste man nur noch herausfinden, wie man in Form bleibt, ohne dafür zu schwitzen. Ich bin sicher, dass die Pharmaindustrie schon entsprechende Lifestyle­-Angebote in Arbeit hat. Und zwar für Männer und für Frauen.

Oder vielleicht sagt man in Zukunft einfach ge­schlechtsneutral bzw. «gender-­fluid» für Menschen?

Denn auch das ist eine Konstante der jüngeren Mode­geschichte: Mann und Frau gleichen sich äusserlich immer mehr an.
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Jeroen van Rooijen | Text
Journalist / Konzepter in Sachen Mode und Stil
www.vanrooijen.ch

Ausgabe 3/2019