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Inside SKO

Reifen wechseln bei 180 km/h auf der Autobahn

Führungskräfte fühlen sich heute oft als «eierlegende Wollmilchsau». Gut 160 Personen waren sich am LeaderCircle der Schweizer Kader Organisation SKO vom 17. September einig: Führung muss wieder direkter und persönlicher, näher an den Menschen und näher am Geschäft sein. Die Bürokratie, die Beschleunigungsfalle und geringe Handlungsspielräume bei gleichzeitig paradoxen Anforderungen verstärken die Selbstzweifel von Führungskräften signifikant.

Dabei brauche es mehr Führung denn je, sagte Heike Bruch, Professorin für Leadership an der Universität St. Gallen und Direktorin des Instituts für Führung und Personalmanagement, denn das Gefühl von Führen sei angesichts der Umweltdynamik wie «180 auf der Autobahn zu fahren, während wir die Reifen wechseln». Die Tendenz zum «Unbossing», also weg vom autokratischen Top-down-Führungsstil, sei zwar richtig, aber nicht zum Preis einer fehlenden Orientierung. «Viel besser ist es, auch einmal laut zu werden, als sich gar nicht mehr für die Mitarbeitenden zu interessieren.» Um mit Herausforderungen konstruktiv umzugehen, brauche es sowohl Adaptionskompetenzen als auch Gestaltungskompetenzen.

Auf dem Podium, das von Handelszeitung-Chefredaktor Stefan Barmettler geleitet wurde, sagte Ralph Echensperger: «Ein Diplom an der Wand sagt höchstens aus, dass ich ‹mal da war› und etwas gelernt habe. Es sagt nichts darüber aus, was ich kann.» Echensberger selbst ist eine steile Karriere «hinaufgestolpert» und leitet als Mitglied der Zurich Geschäftsleitung die Schadenabteilung der Zurich Schweiz.

Einen Tag pro Monat für den eigenen Wandel
Heike Bruch gesteht, dass sie selbst eher KPI-bezogen führt und sich deshalb nicht Führungssuperstar nennen könne. Sie empfiehlt den Ansatz der Otto Group und auch von Swisscom, die einen Tag im Monat für den Wechsel in Mindset und Führung investieren.

Gemäss Michael Oertig der Avenir Group gibt es die allmächtige Führungskraft nicht mehr. Forderungen nach Hierarchieabbau und Weitergeben von Verantwortung an die nächste Stufe werden oft nicht umgesetzt. Der Anstoss zu Selbstlernprozessen und Transformation komme meistens von Jüngeren. Und Hans C. Werner, heute HR-Chef bei Swisscom, sieht in der extremen Transformationsphase seiner Arbeitgeberin enorme Herausforderungen für Führungskräfte. Wer seit dem Kindergarten eine Top-down-Kultur erlebt habe, für den werde der Wechsel zu agilen Methoden sehr schwierig.

Einig war sich die Podiumsrunde, dass Leader digitales Wissen brauchen, um die Auswirkung der Digitalisierung einschätzen zu können. Zudem werde die werteorientierte Führung wichtiger, die mit einer Sinnhaftigkeit und Unternehmenskultur als Fundament des Vertrauens ein Vorbildfunktion wahrnehme.

Jürg Eggenberger forderte in seinem Schlusswort eine Austauschplattform, um Führung zu einem gesellschaftlichen Thema zu machen und sie in Zukunft so zu gestalten, dass die Schweiz ein Chancenland und innovativ bleibe.

Stefan Barmettler, Chefredaktor Handelszeitung; Hans C. Werner, Swisscom; Ralph
Echensperger, Zurich; Heike Bruch, Uni St. Gallen; Marcel Oertig, Avenir Group AG
Das anschliessende Stehdinner bot Gelegenheit für den persönlichen Austausch
und interessante Gespräche.