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Geschichten fangen mit dem Zuhören an

Storytelling gehört zweifellos zu den meistgehörten Schlagworten des Jahres 2018. Das wird sich auch 2019 nicht ändern. Doch bevor Sie wei­terblättern, weil Sie denken, schon alles darüber zu wissen, lassen Sie mich eine andere Dimension von Storytelling auftun.
Storytelling ist nicht gleich Storytelling. Storytelling hat meiner Meinung nach lange nichts mit der Story und nichts mit Telling zu tun. Dies steht entgegen vieler Meinungen, mit denen ich regelmässig konfrontiert bin.

Es passiert immer wieder, dass Mitarbeitende von ihren Vorgesetzten zu mir ins Training geschickt werden. Oft sind es Mitarbeitende, die im Bereich Marketing, Kommunikation, Sales eine Position innehaben. Und meistens haben diese auf mein Training keine grosse Lust, was sie mit unterschiedlichen Verhaltensweisen zu Beginn des Trainings kundtun. Der Grund für dieses Verhalten: Sie denken, dass sie bereits schon alles wissen und es auch entsprechend anwenden.

Die Frage, die ich mir anfangs noch stellte, war: Warum werden dann diese Mitarbeitenden von ihren Vorgesetzten zu mir ins Storytelling-Trai­ning geschickt? Die Antwort: Diese Vorgesetzten schildern mir im Briefing, wie Storytelling im Unternehmen bzw. im Team verstanden wird: Nämlich als das Erzählen einer Story, die niemanden wirklich interessiert. Sie möchten deshalb, dass das Team einen anderen Ansatz oder eine andere Dimension kennenlernt.

Trainings sind dafür da, zu lernen. Lernen gelingt am Besten durch das Selberanwenden. Dem Aspekt des Zuhörens räume ich deshalb in mei­nen Trainings viel Zeit ein. Die Teilnehmenden lernen unterschiedliche Arten von Storys kennen und erarbeiten ihre eigenen Storys, die sie dann erzählen. Eine wichtige Regel ist: Alle (ausser dem oder der Erzählenden) schweigen dabei und hören zu. Endet die Erzählung, wird die Story weder hinterfragt, kommentiert noch werden Tipps abgegeben.

Wir Menschen sind einen ständigen Dialog mit anderen und vor allem mit uns selbst gewohnt. Deshalb schicken wir uns während des Trainings selbst in die geistige Ruhezone und – schweigen. Der Effekt dieses Story-Listening: Wir kramen unbewusst in unserer Erinnerung, und es geht nicht lange, und eigene Erlebnisse und Geschichten poppen hoch. Durch das Zuhören erleben wir die Geschichten der anderen von einem anderen Standpunkt aus mit. Wir werden selbst Teil der Geschichte. Für uns selbst ziehen wir dabei das heraus, was für jeden und jede individuell anders ist. Wir lernen und verarbeiten. Und bringen unsere eigenen Geschichten wieder an die Oberfläche. Natürlich profitieren davon alle, die gewillt sind, sich auf diesen Prozess einzulassen. Was in der Regel zu 99 Prozent in jeder Gruppe funktioniert.

Lernen. Durch Schweigen und Zuhören. Verarbeiten. Durch Zuhören und Schweigen. Ein weiterer Effekt dabei: Wir werden uns bewusst, was die anderen interessiert. Und stellen fest, es sind die eigenen Lernerfahrungen, die wir oder andere hatten. Und weniger die grossartigen Hel­dengeschichten. Vom Storylistening zum Storytelling. »

Ancilla Schmidhauser
Trainerin und Coach für Business Storytelling