Gegenüberstellung

Remo Rusca (40) ist Partner der VillageOffice Genossenschaft.

Nadine Gembler (47), Leiterin HR Coop Schweiz.

01. Welches Gewicht geben Sie fixen Prozessen?

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Nadine Gembler: Möglichst klare und einheitliche Prozesse sind für uns entscheidend, denn die Digitalisierung schreitet im Detailhandel mit enormem Tempo voran. Klar definierte und standardisierte Prozesse lassen sich natürlich leicht automatisieren. Dadurch kann man die «Pflicht» der Maschine übergeben und die «Kür» umso professioneller und eingehender den Menschen überlassen.

Remo Rusca: VillageOffice stärkt mit dezentralen, gemeinschaftlich betriebenen Treffpunkten für Arbeit und mehr die Gemeinschaften in Gemeinden und städtischen Quartieren. Als Team gehen wir bewusst neue Wege: mit offenen Prozessen, Netzwerken und Vertrauensstrukturen. Fixe Prozesse kennen wir nur insofern, dass wir uns einmal wöchentlich zum taktischen Meeting in einer Videokonferenz, zweiwöchentlich für Ressourcen- und Strukturabsprachen (auch online) und einmal monatlich physisch für Kultur- und Strategieabstimmung treffen. Alles andere läuft ad hoc über eine Collaborations-Plattform transparent und für alle einsehbar.

02. Wie viel Kreativität wünschen Sie sich von Ihren Mitarbeitern?

Nadine Gembler: Kreativität ist grundsätzlich positiv und wünschenswert und gute Vorschläge sind immer willkommen. Allerdings kann ein Übermass an sicherlich gut gemeinten Ideen unsere Abläufe und Prozesse auch verlangsamen. Kreativität sollte daher in erster Linie nicht via klassisches Vorschlagswesen, sondern durch viel Freiraum, wenig Formalitäten und eine mutige, lernende Organisation gefördert werden.

Remo Rusca: Wir kennen keine Mitarbeitenden: Wir sind ein Ökosystem von Partnern und haben uns einem Zweck verpflichtet. Jeder führt sich selber, ob angestellt oder als Freelancer für unsere Sache tätig. Insofern wünschen wir uns nicht Kreativität – wir setzen sie voraus. Wir können den Rahmen bieten, in dem sich Menschen psychologisch sicher fühlen und auf ihr Herz und Gefühl vertrauen. Sie können ausprobieren und Fehler machen, aber am nächsten Tag neu starten und es besser machen.

03. Wächst Unternehmenskultur von unten nach oben oder umgekehrt?

Nadine Gembler: Weder noch – die Unternehmenskultur ist die Summe aller Selbstverständlichkeiten. Bei uns beginnen beispielsweise die Sitzungen oft einige Minuten früher als geplant, weil sowieso schon alle Teilnehmenden da sind. Diese Besonderheit gehört für mich zu unserer Kultur, ist aber weder von oben so vorgegeben noch von unten so gewünscht, sondern offenbar einfach die Folge einer sehr hohen Disziplin und Motivation aller Beteiligten bei Coop.

Remo Rusca: Weil wir keine Hierarchie kennen, gibt es so was wie oben oder unten nicht bei uns. Wir pflegen eine Kultur- und Strukturentwicklung über Spannungen. Das braucht viel Energie und Mut von allen, die andern aktiv auf Fehlverhalten in Sachen Absprachen und Werten anzusprechen. Aber nur diese Grenzsetzungen fördern gesunde Beziehungen und Vertrauen. Der Grad der Selbstführung in der Organisation wächst jeden Tag dadurch, dass wir unser Verhalten gegenseitig an fünf definierten Werten messen.