Führungskultur: ein Sog zur Identifikation

Kultur funktioniert als Orientierungssystem für eine Gesellschaft oder eine Organisation. Die gemeinsamen Führungserfahrungen und die daraus entstandenen Haltungen und Verhaltensweisen bestimmen die Führungskultur einer Organisation. Lange dominierte der Glaube an die Möglichkeit einer zielgerichteten Steuerung von Organisationen die Führungstheorien: Man unterstellte der Führungskraft, dass sie weiss, wo es hingeht. Und von den Geführten erwartete man, dass sie diesen Weg mitgehen, weil sie Vertrauen haben in die Kompetenz der Führungsperson.

Heute ist die Welt komplex: Veränderungen passieren sprunghaft, Ursache und Wirkung liegen räumlich und zeitlich voneinander entfernt und zugleich nehmen Diversität und Ansprüche der Geführten an Sinnhaftigkeit und Freiräume zu. Eine moderne Führungskultur als Orientierungssystem muss Antworten finden, wie Verhaltensweisen auf gemeinsame Ziele hin ausgerichtet und die Erwartungen ohne Abstriche bei den Verantwortlichkeiten gestaltet werden können. Die Klärung von Rollen und die Erkenntnis, wo der Sinn ihrer Verantwortung liegt, ermöglicht Mitarbeitenden, wirkungsvoll Einfluss zu nehmen und handlungsfähig zu werden.

Ansatzpunkte für eine zukunftsfähige Führungskultur liegen zum einen in der gemeinsamen Entscheidungsfindung und in der Co-Kreation. Zum anderen muss ein verstärkter Einbezug von MitarbeiterInnen in Entscheidungsprozesse mit deren eigenverantwortlichem Handeln einhergehen. Die Steuerungsleistung der Führung gelingt über Coaching, die Kaskadierung von übergeordneten Zielen und ein gemeinsames Monitoring. Als dritte Qualität braucht es Transparenz und eine wertebasierte Kommunikation: Transparenz ist notwendig, um Klarheit und Orientierung zu geben und Mitarbeitende in ihrer Verantwortung zu unterstützen. Führen ist Einbinden, Befähigen, Vernetzen auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung und Respekt. Häufige Feedbacks und Mut, Dinge anzusprechen, die nicht gut laufen, gehören dazu, nach dem Prinzip: Sachen klären, Menschen stärken.

Denn letztlich geht es darum, eine Kultur zu schaffen, die über Sog funktioniert und Identifikation schafft. Eine gute Führungskultur veranlasst, dass Bewegung entsteht und in Richtung auf ein Ziel auch in Bewegung bleibt.

Jürg Eggenberger