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Flexibles Arbeiten in der Schweiz am Beispiel der SBB

Die SBB macht sich in der Öffentlichkeit für flexibles Arbeiten stark und gehört auch zu den Gründern der Work Smart Initiative. Warum?

Die SBB ist Gründungsmitglied der Work Smart Initiative und fördert zusammen mit anderen Schweizer Arbeitgebern flexible Arbeitsformen. Mitarbeitende sollen ihren Tagesablauf möglichst frei gestalten können und an verschiedenen Orten arbeiten dürfen. Unser interner Pilotversuch aus dem Jahr 2013 hat gezeigt, dass dadurch Motivation und Produktivität steigen. Gleichzeitig ermöglicht diese Flexibilität einen schonenden Umgang mit Ressourcen. So gestaltet die SBB kundenorientierte und finanzierbare Verkehrslösungen als Mobilitätsanbieterin aktiv mit.

Dennoch reisen immer noch die meisten Arbeitnehmer zu Stosszeiten?

Pendeln hat viel mit Gewohnheit zu tun: Viele Menschen pendeln seit Jahren auf die gleiche Art und Weise, obschon sie teilweise die Möglichkeit hätten, auf andere Züge auszuweichen. Veränderte Gewohnheiten und andere Arbeitszeiten stossen bei vielen Vorgesetzten und Kollegen jedoch nach wie vor auf Skepsis oder sogar Widerstand. Problematisch ist die vielerorts herrschende Anwesenheitskultur. Aber gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass einige Branchen und Berufsbilder diese Möglichkeit nicht oder nur sehr beschränkt haben, beispielsweise im Detailhandel oder im Gesundheitswesen.

Was müssen Führungskräfte beachten, deren Mitarbeitende mehr Flexibilität fordern?

Wer früh zur Arbeit kommt und lange im Büro bleibt, wird immer noch als besonders fleissig wahrgenommen. Aber eine lange Präsenzzeit führt ja nicht automatisch auch zu einer guten Leistung. In dieser Beziehung ist also ein Umdenken gefordert. Flexibilität zugestehen hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Ein Systemwechsel kann am besten mit kleinen Schritten und im engen Dialog erreicht werden. Wichtig ist, gemeinsam Ziele festzulegen und Abmachungen zu den Rahmenbedingungen zu treffen, zum Beispiel über welchen Kanal und in welchem Rhythmus Arbeitsfortschritte sichtbar gemacht werden.

Wie flexibel sind denn die SBB-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter unterwegs?

Die SBB will mit gutem Beispiel vorangehen. Wir fördern daher flexible Arbeitsmodelle und motivieren unsere Mitarbeitenden, vermehrt in den Nebenverkehrszeiten zu reisen und zum Beispiel am Morgen noch von zu Hause aus zu arbeiten und erst um 10 Uhr den Zug ins Büro zu nehmen. Von über 30’000 SBB-Mitarbeitenden arbeiten 9000 in Berufen mit flexiblen Arbeitsformen. Typischerweise sind das Leute mit zentralen Funktionen, Projektmitarbeitende oder Fachverantwortliche. Sie verfügen über modernste mobile Arbeitsplätze mit Laptop, Smartphone, VPN, Skype etc. Dadurch können sie ihre Arbeit grundsätzlich überall erledigen.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass viele Arbeitnehmende in der Schweiz eher pendeln als ihren Wohnort wechseln?

Die Schweiz ist tatsächlich ein Volk von Pendlern. Sein Zuhause resp. seinen Wohnort, wo der persönliche soziale Mittelpunkt liegt, verlässt man nur ungerne. Zudem sind die Mietpreise in den vergangenen Jahren in den städtischen Zentren erheblich gestiegen, ein Wechsel geht meist mit höheren Mietkosten einher. Dazu kommt, dass die Mobilität für Vielfahrer eher günstig und das ÖV-Netz so gut ausgebaut ist, dass man auch über grössere Distanzen gut pendeln kann.

Zusätzlich sind mit der Digitalisierung neue Möglichkeiten entstanden, um Distanzen zu überwinden. Sicherlich haben Sie von den digitalen Nomaden gehört: Hoch qualifizierte Leute, die beispielsweise in Thailand wohnen und IT-Dienstleistungen für amerikanische Firmen erstellen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Pendlerstroms in den nächsten zehn Jahren? Gibt es absehbare Tendenzen?

Die Bevölkerung in der Schweiz nimmt zu, so auch die Mobilität. Wir gehen in den nächsten 15 Jahren von einem Anstieg der Mobilität von rund 50 Prozent aus. Darauf stellen wir uns ein und bauen nach Möglichkeit aus. Aber ein Ausbau ist teuer; auf die Investitionen folgen Jahrzehnte des Unterhalts. Effektiver ist es, die bestehenden Ressourcen sowohl auf der Schiene wie auch auf der Strasse besser auszulasten, sprich besser auf den Tag zu verteilen, und die leeren Sitze im Zug und im Auto besser zu besetzen.

Copyright: SBB

Sabine Gerber
stellvertretende Leiterin Strategie-
und Organisationsentwicklung
bei SBB Personenverkehr.