Faltbare Autorität im Stadtverkehr

Das Klapprad, eine längst vergessene Erscheinung der Siebzigerjahre, feiert Urständ: Winzige Faltvelos erobern nach den Trottinetten die Pendlerzüge in London, New York und Zürich. Inzwischen gibt es sie natürlich auch als E-Bikes.

5 Sekunden und 19 Hundertstelsekunden – das ist der inoffizielle Weltrekord im Falten eines Brompton. Die Rede ist nicht von einem Kleidungsstück, sondern von einem sehr britischen Fahrrad: Die Marke mit dem Namen eines Londoner Stadtteils ist der grösste britische Velohersteller und inzwischen weit über das United Kingdom hinaus Kult.

Das Kultbike aus London
Denn das Brompton ist so handlich wie solid. Der dreiteilige Klappmechanismus, für den es berühmt ist, macht aus dem Drahtesel mit den kleinen 16-Zoll-Rädern in besagten fünf Sekunden (oder etwas mehr) ein Paket von 60 mal 60 mal nicht ganz 30 Zentimetern – klein genug, um von einzelnen Fluggesellschaften als Carry-On-Gepäckstück akzeptiert zu werden. Aufgeklappt hat man mit einem Brompton ein mehr als citytaugliches Fahrrad mit bis zu acht Gängen. Ausserdem gibt es handgefertigte Laptop- und Aktentaschen von stilvoll bis rustikal, die mit einem einzigen Handgriff vor dem Lenker an das Velo geklickt werden können, auf Wunsch ist das Brompton auch mit Gepäckträger erhältlich.

Der Erfolg der britischen Marke ist in der Branche natürlich nicht unbemerkt geblieben, und so sind inzwischen mehrere (wenig) erstaunlich ähnliche Räder auf dem Markt, einige davon ebenfalls mit Dreifach-faltmechanismus. Beim englischen Original klappt das Hinterrad um die Querachse nach vorn neben das Vorderrad. Das macht aus dem gefalteten Rad das kompakteste Stück Drahtesel, das es zu haben gibt.

Zweifach- oder Dreifachfaltung?
Der grösste Nachteil der Bromptons ist ihr Preis. Die vor rund 55 Jahren in London gegründete Marke ist heute hinter dem knapp 40 Jahre alten amerikanischen Stiefbruder Dahon aus Illinois die Nummer zwei, was Stückzahlen angeht. Die amerikanischen Falträder zeichnen
sich aus durch deutlich günstigere Modelle und eine Auswahl verschiedener Radgrössen von winzigen 14-Zoll- (das entsprechende Faltrad wiegt gerade noch knapp acht Kilogramm) bis zu den auch in der Fahrt deutlich komfortableren 20-Zoll-Rädern. Sie sind zusammengefaltet etwas grösser als das Brompton. Daneben kommen aus Taiwan die ebenso hochwertigen Bikes der Firma Tern, deren Räder teilweise wie Brompton einen Dreifachfaltmechanismus aufweisen oder im Design nahe an den Dahon-Vorbildern liegen. Was kein Zufall, sondern Grund für einen jahrelangen Rechtsstreit ist: Gegründet wurde Tern nämlich von der Exfrau und dem Sohn des Dahon-Gründers David T. Hon.

Noch vor der äusserst erfolgreichen Marke Tern ab 2011 setzten auch in Europa Nachahmer auf das Faltrad, darunter Müller & Riese aus Deutschland
mit dem Birdy. Dieses De-luxe-Faltrad trumpft mit Federung vorn und hinten, Scheibenbremse und einem nochmals etwas anders gestalteten Dreifachfaltmechanismus auf, der es ähnliche Packmasse wie die Konkurrenz aus England erreichen lässt. Das hat allerdings seinen Preis: Während die Dahons ab einigen Hundert Franken zu haben sind und das Brompton in der Basisversion doch schon deutlich über 1000 Franken kostet, gibts den Deutschen Faltvogel erst ab einem Grundpreis von 2600 Franken.

Massstab für die Packgrösse war bei allen Herstellern das Volumen, das unter den Sitzen typischer Vorstadtzüge zur Verfügung steht, damit Pendler aus Suburbia sportlich zum Bahnhof und in der City zum Büro radeln können. Das ist übrigens auch in der Schweiz kein Problem: Solange das Fahrrad nicht aussieht wie ein Fahrrad und in irgendeiner Form von Hülle steckt (damit keine Sitze beschmutzt werden), kann es wie ein Gepäckstück kostenlos in SBB-Zügen mitgeführt werden. Einige Bikes werden daher gleich mit Überwurfhülle geliefert und lassen sich zusammengefaltet am ausgefahrenen Sattelrohr auf den parallel stehenden oder eigens dafür montierten Stützrädchen schieben wie ein Rollkoffer. Bei einem Gewicht um die zwölf Kilo ist das auf den langen Wegen der Schweizer Bahnperrons durchaus zu begrüssen.

E-Bikes ohne Kompromisse Bleibt die Frage, warum man sich angesichts der überall herumstehenden Leihfahrräder und Elektroroller als Pendler überhaupt noch ein Velo anschaffen soll. Das kann jede und jeder beantworten, die oder der schon mal einen Termin verpasst hat, weil man sich auf die Free-Floating-Verleihfahrzeuge verlassen und keins gefunden hat.

Auf den elektrischen Rückenwind muss übrigens auch bei den Falträdern nicht verzichtet werden: Hier ist mit dem Pluto 3.1 sogar ein Schweizer Produkt des E-Bike-Pioniers Flyer am Start. Es ist allerdings mit 25 Kilogramm eher schwer und zusammengeklappt nicht besonders handlich.

Eher in die Faltveloklasse passt da noch die Serie Vektron von Tern, vor allem aber die elektrifizierte Variante des Brompton. Daran fällt auf, dass nichts auffällt: Dem Kultbike wurde ein praktisch unsichtbarer und relativ leichter Nabenmotor im Vorderrad spendiert – und auch das Akkupack bleibt unsichtbar: Es wird in einer kleinen Tasche an den Halter an der Lenksäule geklickt – oder in eine speziell adaptierte Aktentasche integriert. Mit nicht einmal 17 Kilogramm ist das E-Brompton immer noch sehr leicht.

Uns hat der Selbsttest gezeigt: Die modernen Falträder sind ein probates Mittel gegen frühen Herzinfarkt und späte Ankunft in der Innenstadt; in der E-Version noch dazu sehr bequem und generell in Bus und Bahn (noch) gut geduldet.»