Die Stechuhr ausschalten

Immer mehr von uns sind örtlich und zeitlich flexibel arbeitstätig. Gerade Kadermitarbeitende verfügen meist über eine hohe zeitliche Autonomie und arbeiten auch zu Hause oder unterwegs.

Diese Praxis verstiess allerdings lange Zeit faktisch gegen das Gesetz: Denn es verlangte auch von solchen Mitarbeitenden strikt, dass die Arbeitszeit genau erfasst wird. Seit Anfang 2016 gibt es Möglichkeiten, auf die Arbeitszeiterfassung zu verzichten – oder sie zumindest stark zu vereinfachen. Einige Voraussetzungen müssen aber erfüllt sein.

Im Arbeitsgesetz (ArG) finden sich die zwingenden Regelungen zu den Arbeits- und Ruhezeiten. So beträgt etwa die wöchentliche Höchstarbeitszeit nach Artikel 9 ArG für Arbeitnehmende in Industrie, Büros und auch für das Verkaufspersonal von Grossbetrieben des Detailhandels 45 Stunden; für alle andern sind 50 Stunden pro Woche die Obergrenze.

Selbst die Pausen sind gesetzlich geregelt: Bei einer täglichen Arbeitszeit von mehr als fünfeinhalb Stunden ist eine Viertelstunde, bei mehr als sieben Stunden eine halbe und bei mehr als neun Stunden eine ganze Stunde Pause zu gewähren. Die tägliche Ruhezeit darf nicht weniger als elf Stunden betragen, und nicht nur die Dauer, sondern auch die Lage der Pausen von einer halben Stunde und mehr muss dokumentiert werden.

Allerdings fallen nicht alle Arbeitnehmenden in den Geltungsbereich des Arbeitsgesetzes. Arbeitnehmende mit höherer leitender Tätigkeit zum Beispiel – wie meistens die Mitglieder der Geschäftsleitung – sind davon ausgenommen.

Ausserdem kann der Arbeitgeber die Erfassung der Arbeitszeit an die Arbeitnehmenden delegieren, sofern er ihnen die entsprechenden Instrumente zur Verfügung stellt und mit Stichproben kontrolliert, ob sie auch benutzt werden.

Und seit Anfang 2016 gibt es zwei Alternativen zur strikten Arbeitszeiterfassungs- und Dokumentationspflicht, und zwar in den Artikeln 73a und 73b der Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz .

Drei Bedingungen für den Verzicht

Damit Arbeitnehmende jeweils auf ein Jahr hinaus im gegenseitigen Einvernehmen mit dem Arbeitgeber schriftlich ganz auf die Zeiterfassung verzichten können, müssen insbesondere folgende Bedingungen erfüllt sein:

  1. Es muss ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) vorliegen, unterzeichnet von der Mehrheit der repräsentativen Arbeitnehmerorganisationen, insbesondere der Branche oder des Betriebs. Dieser GAV muss besondere Massnahmen für den Gesundheitsschutz und die Einhaltung der gesetzlichen Ruhezeiten enthalten sowie eine interne Anlaufstelle für Fragen zu den Arbeitszeiten bezeichnen.
  2. Die oder der Arbeitnehmende muss umgerechnet auf ein Arbeitspensum von 100 Prozent jährlich mehr als 120 000 Franken brutto (inklusive Boni) verdienen und
  3. Sie oder er muss über mindestens 50 Prozent der zu leistenden Arbeitszeit frei verfügen können.
Eine Vereinbarung reicht

Mit einer blossen Vereinbarung auf Betriebsebene ohne GAV können Unternehmen und Arbeitnehmende dagegen die Vereinfachung der Arbeitszeiterfassung aushandeln. Dafür gibt es insbesondere folgende Voraussetzungen:

  1. Die Arbeitnehmenden müssen über mindestens 25 Prozent Arbeitszeitautonomie verfügen und
  2. Die Abmachung muss jährlich in einem paritätischen Verfahren überprüft und neu abgesegnet werden.

Unter diesem Regime müssen nun nur noch die tägliche Arbeitsleistung und für Nacht- und Sonntagsarbeit jeweils Anfang- und Endzeiten dokumentiert werden.

Noch einfacher ist es für Betriebe mit weniger als 50 Mitarbeitenden. Hier kann die vereinfachte Zeiterfassung individuell mit jedem Arbeitnehmenden schriftlich vereinbart werden. Darin muss aber auf die geltenden Arbeits- und Ruhezeitvorschriften hingewiesen und zusätzlich ein jährliches Gespräch zur Arbeitsbelastung geführt werden, das dokumentiert werden muss.

Adrian Weibel
ist Anwalt und Leiter des Rechtsdiensts der Schweizer Kader Organisation SKO. Der SKO-Rechtsdienst steht allen Mitgliedern für Beratungen in sämtlichen Rechtsbereichen kostenlos zur Verfügung: rechtsdienst@sko.ch