Die fünf Leadership-Typen der Zukunft

Führung, wie wir sie im vergangenen Jahrzehnt kennengelernt haben, wird es in dieser Form künftig kaum mehr geben. Zu den Gründen zählt, dass sich die Zusammensetzung der Belegschaft längst grundlegend verändert hat:

Kaum ein Unternehmen wird mehr ohne Roboter und hochentwickelte künstliche Intelligenz arbeiten. Kaum ein Unternehmen kann einer jungen Generation entkommen, die über Sinn und Arbeit völlig anders denkt als unsere oder die Generationen vor uns. Mit Konsequenzen, die Mensch und Maschine zu Höchstleistungen führen wollen. Wagen wir also einen Blick in die Zukunft und schauen uns an, wohin sich Leadership verändern wird.

Vom Hierarchieentscheider zum Primus Inter Pares: «Distributed Leadership»

Eine der zentralen Ideen agiler Organisationsformen ist die Verteilung von Führung – Führungsverantwortung hat nicht nur eine einzelne Person, sondern eine Gruppe von mehreren ( David Marquet 2013 ). Die Idee dahinter ist einfach: Man nimmt die Führungsverantwortlichkeiten und verteilt sie unter den Mitarbeitenden – den «Chef» gibt es nicht mehr. Die Konsequenzen dieser Form von Leadership sind verblüffend: Mitarbeitende fühlen sich mehr verantwortlich, denken im Sinne der Firma oder erlernen Fähigkeiten, die ihnen sonst verwehrt geblieben wären. Doch was einfach tönt, ist vor allem für etablierte Manager alles andere als angenehm – und so scheitern manch agile Setups daran, dass ebendieser Wechsel nur schwer oder gar nicht vonstattengeht.

Vom Leader zum Coach: «Inspirational Leadership»

Dies ist wohl die am weitesten fortgeschrittene Veränderung rund um Leadership: Weg von einer Rolle des «Ich gebe dir den Weg vor», hin zu «Ich mache dich zum Teil einer gemeinsamen Sehnsucht». Simon Sinek bringt vor rund zehn Jahren diese Idee auf den Punkt, indem er Führung durch Inspiration mit einem simplen «always start with the why» zusammenfasst: Es geht bei inspirierender Führung nicht so sehr darum, was Mitarbeitende eigentlich tun oder wie sie ihre Arbeit verrichten. Vielmehr ermöglicht das Einbetten in ein klares «Warum», Menschen aus ihren funktionalen Rollen herauszuholen und sie zu inspirieren, weit über ihre gelernte Komfortzone hinauszudenken.

Vom Fachverantwortlichen zum Fähigkeitsvermittler: «Value Based Leadership»

Teams in Unternehmen agieren künftig zunehmend in einem Umfeld, das derart komplex ist, dass es sich kaum mehr fassen lässt. Diese Komplexität dennoch zu meistern, zeigt das US-amerikanische Militär: durch wertorientierte Führung. Sie stellt Zielvorgaben und Messmechaniken hinter ein gemeinsam geteiltes Ethos ( Brent Gleeson 2018: «Talking Point» ). Ebendieses Ethos ist so universell und stark, dass er in jeder schwierigen Situation (etwa in grossen Transformationen) keinerlei Interpretationsspielraum zulässt und doch sicherstellt, dass die gesamte Mannschaft stets am gleichen Strang zieht.

Von der analogen zur digitalen Führungskraft: «Artificial Intelligence & Leadership»

Industrien, in denen wir heute bereits künstliche Intelligenz sehen, sind fast allgegenwärtig ( Mike Baccala ). Mit Konsequenzen für die gesamte Workforce ( Philippe Gerbert ): Erlernte Jobprofile erodieren, Teams arbeiten direkt mit Robotern und intelligenten Maschinen Hand in Hand. Führungskräfte führen nicht mehr nur Menschen, sondern teilhumane Teams. Mit grosser Unsicherheit auf beiden Seiten: Existenzängste und Stress bei Mitarbeitenden, Führungsüberforderung beim Management. Führung in Zukunft wird nicht «entweder/oder» digital sein, sondern sie wird die sprichwörtliche Wertschöpfung ins Zentrum rücken und Mensch und Maschine rund um die dafür erforderliche Leistung zusammenführen.

Von der Männer- zur Frauendomäne: «Female Leadership»

Längst geht es bei weiblicher Führung nicht mehr nur um Quote ( Sheryl Sandberg 2010 ). So zeigt die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem, was Frauen in der Führung anders machen und erreichen, bereits heute, dass unter weiblicher Unternehmensleitung beispielsweise mehr Diversität Einzug hält – mit positiven Auswirkungen auf den finanziellen Erfolg. Solche und viele andere Beispiele untermauern, dass Frauen in Führungsetagen einen eigenen Führungsstil etablieren, der Unternehmen anders führt. Und auch wenn der Weg dorthin beschwerlich scheint – das Aufzeigen des Zusammenhangs zwischen weiblicher Führung und Geschäftserfolg hat gerade erst begonnen ( Yoni Blumberg 2018 ).


Ansgar Thiessen
Strategieberater bei PvL Partners, Leiter der Praxisgruppe «Agile Organisations». Thiessen ist unter anderem Teil der«Future of Leadership Initiative» .