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Der Bob-Dylan-Algorithmus

Können Roboter kreativ sein? Die Robopsychologin Professorin Dr. Martina Mara weist auf schöpferische Leistungen künstlicher Intelligenz hin. Aber sie zeigt auch auf, was den Robotern fehlt, um wirklich künstlerisch tätig zu werden: menschliche, emotionale Erfahrungen.

Es war eine kleine Sensation. Bob Dylan, der legendäre Liedermacher, der Pressefotos hasst und bei seiner eigenen Nobelpreis-Verleihung fehlt, trat in einem Werbespot auf. Und zwar in keinem für Gitarren, sondern für die künstliche Intelligenz «Watson» .

Auf einer überdimensionierten Ledercouch plaudert Dylan in dem 2015 veröffentlichten Clip mit dem schlauen Sprachagenten von IBM. Und Watson – benannt nach Sherlock Holmes’ berühmtem Detektivgehilfen – legt dem Musiker zu Beginn gleich einen trockenen Inspektionsbericht vor: Die vergehende Zeit und die vergehende Liebe seien die zwei meistbesungenen Themen in Dylans Songs. Das ergäbe eine Analyse seines gesamten Oeuvres, für die Watson nur Sekundenbruchteile benötigt hätte. Dylan lächelt ob dieser in Massen überraschenden Bilanz. Dann schlägt er Watson vor, doch einmal gemeinsam mit ihm ein Lied zu schreiben.

Der Algorithmus als nächster Singer-Songwriter? Roboter als Maler, Literaten, Designer? Ob künstliche Intelligenz kreativ sein kann, ist eine grosse Frage. In der internationalen Forschungsgemeinschaft wird sie kontrovers diskutiert – vor allem auch deshalb, weil es keine allgemeingültige Definition des Kreativitätsbegriffs gibt. Während die einen beim Stichwort Kreativität an den künstlerischen Genius eines Da Vinci oder Dylan denken, bezeichnen die anderen damit auch das Improvisieren eines schnellen Abendessens oder Ad-Hoc-Problemlösungen im Joballtag. Je nach Zugangsweise kann die Antwort also ganz unterschiedlich ausfallen.

Computer schaffen Neues

Eines steht aber fest: Geht es rein um die Fähigkeit, etwas Neues zu erschaffen, etwas, dessen Ergebnis von Menschen vielleicht sogar als kreativ interpretiert wird, dann kann man Maschinen heutzutage kaum noch Kreativität absprechen.

Das Computerprogramm Deep-Art zum Beispiel – ein auf Bilderkennung spezialisiertes künstliches neuronales Netzwerk – verwandelt Fotos in Gemälde, die dem Stil von Van Goghs «Sternennacht» entsprechen. Die Google-Software AlphaGo hat den amtierenden Go-Weltmeister geschlagen und dabei Spielzüge angewandt, die einem menschlichen Gegner vielleicht niemals eingefallen wären. Und Robojournalisten greifen heute längst auf Datenbanken mit Matchabläufen und Sportergebnissen zu, um daraus eigenständig Berichte zu formulieren, die durch Verwendung gängiger Synonyme («Nati» statt Fussballnationalmannschaft etwa) sogar relativ authentisch wirken. In allen genannten Beispielen kreieren Algorithmen unbestreitbar Neues. Und es entstehen tolle Dinge dabei. Im Fall des Van-Gogh-Programms eventuell sogar solche, die man sich an die Wohnzimmerwand hängt.

Trotzdem werden Menschen in kreativen Tätigkeitsfeldern kaum wirklich ersetzbar sein. Warum? Künstliche Intelligenz mag Millionen von (menschgemachten) Texten, Bildern, Videos oder Musikstücken analysieren können, daraus Erkenntnisse ziehen und vielleicht sogar neue Lösungen generieren. Sie wird damit zu einem grandiosen Tool, zu einem ergänzenden Partner, dessen unterstützende Kraft in den kommenden Jahren sicher in mehr und mehr Berufsfeldern genutzt werden wird. Aber: Im Grunde bleibt künstliche Intelligenz Statistik. Ein Algorithmus, und sei er noch so gut, wird immer nur Versatzstücke des bereits Dagewesenen zusammensetzen können. Es fehlt ihm an radikaler Innovationskraft, an Improvisationstalent, an der Lust, gewohnte Wege zu verlassen, und an der Kraft, kulturelle Bedeutung zu erkennen.

Künstliche Intelligenz ist im Grunde Statistik

Kommen wir zurück zu Bob Dylan, geht dem Algorithmus aber noch etwas ganz anderes ab: Emotionalität. Die Liebe nämlich, die Watson so treffsicher als Topthema in Dylans Werk identifiziert hat, hat das Programm selbst natürlich nie erlebt. Genauso wenig wie Freude, Ärger, Trauer, Hoffnung, Ehrgeiz oder Selbsterkenntnis.

Und hier liegt die Krux. Denn selbst wenn Watson auf Basis sämtlicher Love Songs der Musikgeschichte wohl ein neues, möglicherweise sogar passables Stück komponieren könnte: Wen interessiert ein Lied über Liebe, dessen Autor keine Ahnung davon hat? Der weder Dramatik noch Gefühle noch die Bedeutung der verwendeten Worte kennt? Über den ersten Reiz der technischen Faszination hinaus: wohl kaum jemanden.

Martina Mara
Professorin für Robopsychology an der Johannes Kepler Universität Linz, Mitglied des Österreichischen Rats für Robotik, Technik-Kolumnistin und Keynote-Speakerin. Twitter: @martinamara