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Wofür würden Sie sich längerfristig unentgeltlich engagieren?

Markus Freitag | Professor für politische Soziologie, Uni Bern
Familie und Beruf setzen einem regelmässigen Engagement sicher Grenzen. Längerfristig könnte ich mir aber zeitlich überschaubare Einsätze in den Bereichen Bildung, Natur oder Sport durchaus vorstellen.


Lukas Niederberger | Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG)
Seit 30 Jahren spende ich alle sechs Wochen Blutplättchen für leukämiekranke Kinder. Das werde ich auch weiterhin tun.


Sibylle Lichtensteiger | Gesamtleitung Stapferhaus
Um als Patenfamilie einer geflüchteten Familie beim Einstieg in den Schweizer Alltag zu helfen: Das machen wir seit zwei Jahren – und aus der Patenschaft ist eine Freundschaft geworden.

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Die Helfer wollen mitdenken

Was im Internet Standard ist, hat sich in der realen Milizkultur des Alltags noch nicht etabliert: der Anspruch auf «Partizipation». Wie er im Bereich der Freiwilligenarbeit umgesetzt werden kann, zeigt eine Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts.

Vordefinierte Aufgaben erledigen war gestern: Die «neuen Freiwilligen» wollen mitreden. Als «Partizipierende» sind sie Teil einer Kooperation, in der nicht mehr zwischen Hilfeleistenden und -empfängern unterschieden wird. Vielmehr werden alle zum Teil eines Projekts, in dem gemeinsam Probleme angegangen, Freiräume genutzt und Ziele diskutiert werden. Dieses Bild der neuen Freiwilligen zeichnet das GDI aufgrund zweier Umfragen, welche unentgeltliches Engagement und weitere zivilgesellschaftliche Aktivitäten europaweit untersucht haben.

Im Kern der neuen Anforderungen steckt der Wunsch nach Sinnhaftigkeit. Diese ist dort vorhanden, wo eigene Potenziale erkundet und gezielt eingesetzt werden können. Eine konstruktive Fehlerkultur lässt die Freiwilligen zusätzlich aktiv werden: Hier ist der Staat gefordert, das Vertrauen in die Zivilgesellschaft zu stärken.

Sinnstiftend wirkt ferner, das Individuum in eine Gemeinschaft einzubinden. Zeitlich befristete Projekte sind nötig, um die steigende Individualisierung in der Gesellschaft abzubilden und dem Bedürfnis nach Flexibilität Raum zu geben. Und nicht zuletzt sollten Anbieter von Freiwilligenarbeit daran denken, den Mitwirkenden die Definition der Ziele teilweise zu überlassen: Nur wer das Gefühl hat, «etwas bewirken» zu können, wird auf lange Sicht eine Sinnhaftigkeit in einer Tätigkeit feststellen.


«Die neuen Freiwilligen», 2018, Gottlieb Duttweiler Institut | Die Studie wurde im Auftrag von Migros Kulturprozent verfasst. Als wichtige Datenlieferanten ihrer Analysen fungierten die «European Quality of Life Survey» sowie die «European Values Study». https://www.gdi.ch/de/publikationen/studien-buecher

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Freiwillig war gestern

Mit «Nachhaltigkeit» verhält es sich wie mit «Freiheit» oder «Demokratie»: Man kann nicht dagegen sein. Dennoch hört man: Ich kann allein gar nichts bewirken, wenn die anderen nichts beitragen. Wir können als Unternehmen nicht gewinnen, wenn die anderen Marktteilnehmer nicht mitmachen. Und die kleine Schweiz kann doch die Welt nicht alleine retten. Also sind wir fein raus und frei von Verantwortung.
Wirklich?

Nachhaltigkeit kann in der Ökonomie als «Common Good» betrachtet werden: Alle profitieren davon, müssen aber auch ihren Teil dazu beitragen. Die meisten Menschen gehen in die Vorleistung in der Annahme, dass die anderen mitziehen. Allerdings
gibt es immer auch Trittbrettfahrer, die auf Kosten der anderen ihr Eigenwohl verfolgen. Sobald wir die bemerken, wollen wir unseren Beitrag auch nicht mehr leisten: Denn wir «sind ja nicht blöd». Verhaltensökonomen sprechen hier von «bedingter Kooperation». Sie dauert an, solange zwei Bedingungen erfüllt sind:

  1. Das «Common Good» (hier «Nachhaltigkeit») ist als gesellschaftliche Norm etabliert.
  2. Trittbrettfahrer werden sofort sozial sanktioniert.

In der öffentlichen Diskussion etablieren sich gerade ansatzweise neue gesellschaftliche Normen zum Thema Klimawandel – ausgedrückt etwa als «Flugscham» oder psychologischer Druck, ein E-Fahrzeug zu fahren. Aber solange Bedingung 1 nicht vollständig erfüllt ist, werden auch sachlich begründbare Sanktionen als nicht legitim und sogar ungerecht empfunden. Langsam aber werden für Unternehmen die neuen gesellschaftlichen Normen spürbar. Der Gesetzgeber stellt vermehrt Forderungen auf; mehr Gewicht haben indes die Ansprüche wichtiger Geschäftskunden und Kapitalgeber: Bei diesen beiden Stakeholdergruppen findet der Übergang von der Nische in den Mainstream statt. Unternehmen, welche nicht ein bestimmtes Niveau bezüglich Nachhaltigkeit ausweisen können, verlieren wichtige Schlüsselkunden oder Aktionäre.

Das ist die Sanktionierung durch den Markt der Güter und Dienstleistungen oder durch den Kapitalmarkt. Die Zeit der Freiwilligkeit ist vorbei, und das ist gut so.

„Nachhaltigkeit kann in der Ökonomie als ‘Common Good’ betrachtet werden:
Alle profitieren davon, müssen aber auch ihren dazu Teil beitragen.“

Thomas Scheiwiller | Text
Unabhängiger Advisor für internationale Unternehmen in den Bereichen Sustainability, Integrity, Governance und Compliance.

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Miliztätigkeit ist unabdingbar

Geschätzte Leserinnen und Leser

Freiwillige Einsätze und Milizarbeit in Vereinen und Organisationen von Sport und Kultur, in Freizeitbereichen und Interessengruppen, in der Politik, aber auch bei der Pflege von Angehörigen sind das Fundament unserer Gesellschaft. Das Mass der geleisteten Stunden ist enorm.

Aber es wird schwieriger, Leute für ein Engagement  zu motivieren. Deshalb wird es je länger je anspruchsvoller, genügend Personen zur Pflege und Stabilisierung der Gesellschaft zu rekrutieren. Dies hat sicher mit den sich ändernden sozialen Strukturen zu tun. Mit der Entwicklung von der Grossfamilie hin zu Kleinfamilien. Aber nicht nur. Vermehrt wird in fast allen Bereichen eine Professionalisierung – sprich Bezahlung – gefordert. Dabei ist es  volkswirtschaftlich gar nicht möglich, alle geleisteten Stunden einer professionellen Tätigkeit entsprechend abzugelten.

Die Abgrenzung des Engagements von Staat und Freiwilligen wird immer schwieriger. Was ist Aufgabe des Staates? Was erwarten wir von unseren Verwandten, Kollegen, Mitbürgern und Nachbarn, egal ob Mann oder Frau? Wo beginnt die Verantwortung des Einzelnen, und was kann nur im Kollektiv – also gemeinsam – gemeistert werden?

In der heutigen Zeit verlangt insbesondere die Arbeitswelt hohe Flexibilität – auch geografisch – bei vollem Einsatz. Neben der Familie bleibt immer weniger Raum für Hobbys und für weitere Engagements. Man will und kann sich nicht für längere Zeit zu einem zusätzlichen Einsatz verpflichten. Ehrenämter erfordern aber genau diese Verbindlichkeit, um den Organisationen die notwendige Planungssicherheit zu geben.

Mit der Validierung der Milizarbeit in Politik und  Armee ermöglicht die SKO, die erworbenen Kompetenzen einzuordnen. So soll erkennbar werden, dass die Miliztätigkeit einen Mehrwert für alle Betroffenen  ergibt. Es ist ein Schritt, das System weiter zu entwickeln und den sozialen und ökonomischen Pfeiler  der Nachhaltigkeit zu festigen. Die SKO ist stolz, einen Beitrag dazu zu leisten.

Thomas Weibel
Verbandspräsident SKO