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Kreativität braucht Vertrauen

Geschätzte Leserinnen und Leser

Regulierungen sind staatliche Eingriffe, die im öffentlichen Interesse Marktversagen korrigieren oder zivilisatorische Risiken zum Beispiel durch Umweltbelastungen oder moderne Techniken mindern sollen. Sie dienen auch der Chancengleichheit im Wettbewerb, wie die Deregulierung von Monopolen im Rahmen der Marktöffnung der Europäischen Union gezeigt hat.

Regulierung ist nicht per se gut oder schlecht. Nichtsdestotrotz wird die zunehmende Regulierungsdichte in der Schweiz kritisiert. Der Ruf nach Reduktion administrativer Lasten für Unternehmen wird lauter. Der Markt soll sich wieder vermehrt «selber regulieren». Doch ein Blick zurück zeigt, dass die Finanzmärkte vor der Krise ebensowenig dazu fähig waren, wie sie danach das Vertrauen eigenständig wieder herzustellen vermochten. Durch die fortschreitende Globalisierung und internationale Vernetzung können zudem viele Risiken und Marktunvollkommenheiten nur länderübergreifend beurteilt und angegangen werden, wie zum Beispiel der Umgang mit Eigentums- und Nutzungsrechten an nicht stofflichen Gütern.

Die grenzenlose Vernetzung durch das Internet und darauf aufbauende Digitaltechnologien haben zwar viel Kreativität freigesetzt und einen Innovationsschub ausgelöst. Sie führen aber auch zu neuen Risiken. Das zeigen unerlaubte Nutzung von Kundendaten bei Facebook oder die Unfälle von selbstfahrenden Autos mit Verletzten und Toten. Ein weiteres Beispiel sind neue Geschäftsmodelle im Rahmen der Shared Economy. Sie führen zu flexiblen Arbeitsformen, bei denen die Arbeitskraft jedoch nur unzureichend gesetzlich erfasst und damit geschützt ist: Uber-Fahrer sind arbeitsrechtlich nicht mit Taxifahrern vergleichbar.

Hier haben Regeln und Standards die Aufgabe, den technischen Fortschritt ordnend zu begleiten und gleichzeitig Experimentierfelder für Forschung und Wirtschaft zu ermöglichen.

Die Kreativität im Zeitalter des Internets und der künstlichen Intelligenz kennt ohne Regulierung keine Grenzen, ausser die selber auferlegte Governance von Unternehmen. Und diese funktioniert nur, wenn eine entsprechend ethisch motivierte Unternehmenskultur vorherrscht.

Genauso wie Regulierungen als Belastung für die Wirtschaft beurteilt werden können, können sie das Vertrauen in Technologien und Entwicklungen stärken. Und genauso wie Kreativität positiv und innovationsfördernd konnotiert wird, kann sie zu Problemen führen, wenn sie dazu dient, Lücken im Gesetz auszunützen oder zu manipulieren. Regulierungen müssen Sinn ergeben und darauf ausgerichtet sein, Marktversagen oder Marktunvollkommenheit und Risiken anzugehen. Sie müssen wirksam und in ihrer Ausgestaltung verhältnismässig und kostengünstig sein. Eine Debatte darüber, was gute Regulierungen sind – und über die Verantwortung von Parlamentariern und Lobbyisten im Prozess – lohnt sich.

Jürg Eggenberger
Geschäftsleiter SKO

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Der Impact Hub – wo «old & new Economy» Leaders an einem Tisch sitzen

Der Impact Hub sei ein «Kraftort der Innovation und der Kollaboration», lässt sich Roger Wüthrich in der GEO zitieren. Sich selbst beschreibt der Impact Hub Bern als «das Beste aus Workspace, Ideenlabor, Business-Inkubator und Netzwerk an einem Ort». Grosse Worte – doch was genau kann man sich darunter vorstellen? Wir werfen einen Blick in das Innenleben des Impact Hub Bern.

Montagabend, Ende Oktober 2016 im Dachstock des ehemaligen Musikgeschäfts «Krompholz» in Bern: Auf einer selbst gebauten Bühne stehen die sechs Gründer des Impact Hub Bern, alle zwischen 25 und 35 Jahre alt, und erzählen was von «Community» und «Startups». Davor sitzen ungefähr 60 Personen auf unbequemen Holzstühlen und hören gespannt zu, unter ihnen Unternehmerin Nicole Loeb, die damalige amerikanische Botschafterin Suzi LeVine und Roger Wüthrich, Chief Digital Officer der Swisscom.

«Das ist die Essenz des Impact Hubs: Menschen zusammenzubringen, die sich sonst in unterschiedlichen Welten bewegen.»

Mittwochmittag, sechs Monate später, im selben Raum: Ungefähr 15 Personen bedienen sich am selbst gemachten Salatbuffet, fragen einander «wer bist du?» und tauschen sich beim gemeinsamen Mittagessen aus. Ein amerikanischer Ingenieur, der für einige Wochen als Remote aus Bern arbeitet, die Gründerin einer Organisation, die Flüchtlinge zu Unternehmern macht, und ein IT-Freelancer unterhalten sich über den Einfluss von Social Media in der Politik. Das Geschäftsleitungsmitglied einer Versicherung fragt einen Möbeldesigner über den «Design Thinking»-Hype aus. Und der Mitarbeiter eines Startups für vegane Glace diskutiert mit einer Swisscom-Mitarbeiterin und einer Grafikerin über Möglichkeiten zur Vermarktung von zuckerfreier Glace für Kinder.

Das ist die Essenz des Impact Hubs: Menschen zusammenzubringen, die sich sonst in unterschiedlichen Welten bewegen. Sie stammen aus Startups, KMU, Grossfirmen oder Verwaltung und suchen hier die Vernetzung. Im Impact Hub mietet man sich nicht einfach ein, man wird Mitglied. Es geht nicht um «co-worken», also nebeneinander arbeiten, sondern um «coworken», also miteinander arbeiten und Neues erschaffen.

Ein globales Netzwerk

Die Idee stammt nicht aus Bern, sondern entstand bereits 2005 in London. Eine Gruppe sogenannter «Social Entrepreneurs» suchte nach einem Ort, wo sie gemeinsam arbeiten und sich vernetzen konnten. Da sie keinen fanden, erschufen sie ihn kurzum selbst: Der erste Impact Hub war geboren. In den folgenden 10 Jahren breitete sich die Idee aus, ein globales Netzwerk von über 80 Hubs entstand. Dennoch ist jeder Ort einmalig, geprägt durch die jeweiligen Gründer, Mitglieder und lokalen Voraussetzungen.

«In der Schweiz öffnete 2010 der erste Impact Hub in den Zürcher Viaduktbögen seine Tore.»

In der Schweiz öffnete 2010 der erste Impact Hub in den Zürcher Viaduktbögen seine Tore, inzwischen sind Genf und Bern hinzugekommen. Die Schweizer Hubs zählen über 1200 Mitglieder, darunter Startups, Freelancer, Querdenker, Innovatoren und Visionäre. Sie kommen in den Hub, um dort im offenen Coworking-Space zu arbeiten oder um die Meetingräume zu nutzen. Sie vernetzen sich an den zahlreichen Events, unterstützen sich gegenseitig oder lancieren ganz neue Vorhaben. Mit verschiedensten Programmen wie dem «Business Helpdesk» oder der «Summerpreneurship» unterstützt der Impact Hub seine Mitglieder bei der Realisierung.

«Die bunte Mischung des Impact Hub zieht längst auch Mitarbeiter von KMU und Grossfirmen an.»

Die bunte Mischung des Impact Hub zieht längst auch Mitarbeiter von KMU und Grossfirmen an: Sie wollen nicht verpassen, was die «jungen Wilden» tun und vor allem auch wie sie es tun – denn diese prägen die Welt von morgen. Genau an dieser Schnittstelle bewegt sich auch die von Impact Hub entwickelte «Impact Academy». Die Zukunft der Arbeit wird anhand von Themen wie neuen Organisationsformen, Digitalisierung oder Generation Y fassbar gemacht.

Am ersten Impact-Hub-Event standen Nadja Perroulaz von Liip und Adi Bucher von Swisscom auf der Bühne – zwei Vertreter aus etablierten Firmen, die den Sprung bereits gewagt und Holacracy eingeführt haben. Bei Popcorn, Bier und Livemusik stellten sie sich den Fragen der Teilnehmenden: Wie ist es, sich als Chef selbst abzuschaffen? Was passiert, wenn Mitarbeiter wirklich die volle Verantwortung tragen? Wenn alle Löhne nicht nur transparent sind, sondern auch gemeinsam ausgehandelt werden? Viele der Teilnehmer trifft man nun häufiger im Hub, bei Events oder zum Coworken. Denn was den Impact Hub ausmacht, ist schwer in einen Text zu fassen oder in einem Talk zu vermitteln: Man muss darin eintauchen und es erleben.

Miriam Gantert
Physikerin ETH und Co-Gründerin von Impact Hub Bern