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Kreativität braucht Vertrauen

Geschätzte Leserinnen und Leser

Regulierungen sind staatliche Eingriffe, die im öffentlichen Interesse Marktversagen korrigieren oder zivilisatorische Risiken zum Beispiel durch Umweltbelastungen oder moderne Techniken mindern sollen. Sie dienen auch der Chancengleichheit im Wettbewerb, wie die Deregulierung von Monopolen im Rahmen der Marktöffnung der Europäischen Union gezeigt hat.

Regulierung ist nicht per se gut oder schlecht. Nichtsdestotrotz wird die zunehmende Regulierungsdichte in der Schweiz kritisiert. Der Ruf nach Reduktion administrativer Lasten für Unternehmen wird lauter. Der Markt soll sich wieder vermehrt «selber regulieren». Doch ein Blick zurück zeigt, dass die Finanzmärkte vor der Krise ebensowenig dazu fähig waren, wie sie danach das Vertrauen eigenständig wieder herzustellen vermochten. Durch die fortschreitende Globalisierung und internationale Vernetzung können zudem viele Risiken und Marktunvollkommenheiten nur länderübergreifend beurteilt und angegangen werden, wie zum Beispiel der Umgang mit Eigentums- und Nutzungsrechten an nicht stofflichen Gütern.

Die grenzenlose Vernetzung durch das Internet und darauf aufbauende Digitaltechnologien haben zwar viel Kreativität freigesetzt und einen Innovationsschub ausgelöst. Sie führen aber auch zu neuen Risiken. Das zeigen unerlaubte Nutzung von Kundendaten bei Facebook oder die Unfälle von selbstfahrenden Autos mit Verletzten und Toten. Ein weiteres Beispiel sind neue Geschäftsmodelle im Rahmen der Shared Economy. Sie führen zu flexiblen Arbeitsformen, bei denen die Arbeitskraft jedoch nur unzureichend gesetzlich erfasst und damit geschützt ist: Uber-Fahrer sind arbeitsrechtlich nicht mit Taxifahrern vergleichbar.

Hier haben Regeln und Standards die Aufgabe, den technischen Fortschritt ordnend zu begleiten und gleichzeitig Experimentierfelder für Forschung und Wirtschaft zu ermöglichen.

Die Kreativität im Zeitalter des Internets und der künstlichen Intelligenz kennt ohne Regulierung keine Grenzen, ausser die selber auferlegte Governance von Unternehmen. Und diese funktioniert nur, wenn eine entsprechend ethisch motivierte Unternehmenskultur vorherrscht.

Genauso wie Regulierungen als Belastung für die Wirtschaft beurteilt werden können, können sie das Vertrauen in Technologien und Entwicklungen stärken. Und genauso wie Kreativität positiv und innovationsfördernd konnotiert wird, kann sie zu Problemen führen, wenn sie dazu dient, Lücken im Gesetz auszunützen oder zu manipulieren. Regulierungen müssen Sinn ergeben und darauf ausgerichtet sein, Marktversagen oder Marktunvollkommenheit und Risiken anzugehen. Sie müssen wirksam und in ihrer Ausgestaltung verhältnismässig und kostengünstig sein. Eine Debatte darüber, was gute Regulierungen sind – und über die Verantwortung von Parlamentariern und Lobbyisten im Prozess – lohnt sich.

Jürg Eggenberger
Geschäftsleiter SKO

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Den «Samen» der Kreativität nicht vor der Sonne stehen

Unsere Wirtschaft lebt von Innovation und Unternehmertum. Startups brauchen indes Zeit, um kreative Ideen erfolgreich kommerzialisieren zu können. Gesetzliche Auflagen und Paragraphen können das Unterfangen im Keim ersticken. Recherchen zeigen, dass sich die Schweiz in Sachen Regulation zwischen «progressiv» und «rückständig» bewegt.

Die Elios-Industriedrohne wurdein der Schweiz entwickelt. Sie dient der Erkundung unwegsamer Umgebungen. Photo courtesy of Flyability

In Lausanne herrscht Flugwetter: Keine andere europäische Stadt strahlt auf Unternehmen der rasant wachsenden Drohnenindustrie eine derart hohe Anziehungskraft aus. Ein wichtiger Grund ist die École polytechnique fédéreral Lausanne (EPFL), zu Deutsch ETH Lausanne. Etliche technisch versierte Akademiker aus aller Welt eignen sich hier fast im Akkord das Fachwissen an, welches zur Weiterentwicklung der intelligenten Flugobjekte so dringend gesucht ist.

Kommt dazu, dass die Nähe zur Uhrenindustrie und einer Vielzahl innovativer Technologieunternehmen in der ganzen Romandie für Lausanne den perfekten Nährboden schafft, anderen Standorten in der Drohnenentwicklung einen Schritt voraus zu sein.

So haben sich etwa die Lausanner Firmen Sensefly und Pix4D in den letzten Jahren als weltweite Marktführer für Vermessungsanwendungen mit kleinen Drohnen etabliert. Zahlreiche lokale Startups eifern diesem Erfolg nach.

Besonders viel versprechend entwickelt sich die 2014 gegründete Firma Flyability . Sie hat erstmals eine Drohne mit korrosionsresistenter Aussenhülle entwickelt, die dereinst zum Beispiel für Rettungsarbeiten eingesetzt werden kann. Gründer und CEO Patrick Thévoz ist zuversichtlich, in Lausanne auf die notwendigen Spezialisten zur Entwicklung einer kommerziell erfolgreichen Zukunft zurückgreifen zu können.

Die EPFL allein macht Lausanne indes noch nicht zur Drohnen-Metropole. Dass die Stadt in der Schweiz liegt, ist ebenfalls ein gewaltiger Wettbewerbsvorteil. «Unser Land ist dem Drohnenmarkt freundlich gesinnt und in Sachen Regulation daher ziemlich liberal», sagt Patrick Thévoz. Die Behörden seien offener gegenüber Technologie und neuen Entwicklungen als in anderen europäischen Ländern, wo der Papierkrieg schon für Testflüge teils enorme Ausmasse annehme. Natürlich unterliege die Drohnenindustrie aufgrund ihrer Präsenz im öffentlichen Luftraum ganz grundsätzlich einem relativ ausführlichen Regelkatalog. «Wir spüren in der Schweiz aber eine wohlwollende und unterstützende Haltung von Seiten des Staats, was die Planungs- und Kostensicherheit enorm erhöht», so Thévoz.

Teilweise Selbstregulierung in der Blockchain-Industrie

Als «Principle-Based» wird die hiesige Regulierung auch von einer anderen Jungunternehmerin bezeichnet, die sich zum Aufbau ihres Startups in einem globalen Zukunftsmarkt ebenfalls für die rechtliche Eintragung in der Schweiz entschieden hat. Olga Feldmeier möchte mit ihrer Firma Smart Valor den Blockchain-Markt aufmischen.

Olga Feldmeier, CEO Smart Valor. © RnD photography

Unter «Principle-Based» versteht sie, dass der Staat hierzulande nicht alles bis ins kleinste Detail vorschreiben wolle, sondern richtungsweisend und mit Augenmass agiere, das mögliche volkswirtschaftliche Potenzial von Startups stets im Blickfeld. «Dieser Ansatz, den die wenigsten anderen Länder so verfolgen, erlaubte es etwa, 2016 mit der Finanzmarktaufsicht (Finma) eine Einigung im ‹Fall Xapo› zu erreichen und den weltweit grössten Bitcoin-Verwalter in die Schweiz zu bringen.»

Da sich die Blockchain-Industrie in ihrer frühen Entwicklungsphase befinde, sei jede unnötige Regulation zu vermeiden. «Man muss der Branche die Möglichkeit lassen, sich entwickeln und dadurch laufend verbessern zu können», so die Überzeugung von Olga Feldmeier. Auch dürfe man nicht vergessen, dass alteingesessene Finanz- und IT-Player treibende Kräfte dieser Teilindustrie seien. Dadurch werde der Markt auf eine gesunde Art teilweise selbstreguliert.

«Trotzdem dürfen die Risiken natürlich nicht ganz ausser Acht gelassen werden», räumt die Jungunternehmerin ein. Sie begrüsst es, dass verschiedene Akteure die Blockchain-Industrie in der Schweiz organisieren und «im vernünftigen Mass» regulieren. Anfang 2018 hat etwa die Finma eine verbindliche Wegleitung veröffentlicht, wie auf Basis der Blockchain-Technologie in digitaler Form öffentliches Kapital für unternehmerische Zwecke beschafft werden darf. Mit im Boot sind neben Repräsentanten von Grossinvestoren auch eine Taskforce des eidgenössischen Finanzdepartements sowie verschiedene spezialisierte Rechtsberater.

Schnittstellen zu Wirtschaft und Wissenschaft gefordert

Vom Bund in periodischen Abständen zu Regulierungsfragen im Bereich «Cyber Security» konsultiert wird zum Beispiel Urs Gasser. Der in Solothurn geborene Rechtswissenschaftler ist Professor an der Harvard Law School und leitet dort dasBerkman Klein Center for Internet & Society . «In der Schweiz wird Recht nicht nur als Instrument eingesetzt, das sagt, was man nicht darf, sondern auch als Garantie für Freiheit und Entfaltung gesehen», lautet auch seine grundlegende Überzeugung.

Gleichwohl müsse man in jüngerer Vergangenheit in bestimmten Bereichen leider von einer Überregulierung sprechen. Namentlich fordert Gasser zum Beispiel Nachbesserungen im Datenschutzrecht, wo die Schweiz aus seiner Sicht aktuellen technologischen und marktlichen Entwicklungen, Stichwort «Big Data», noch hinterherhinke. Verschiedene offene Fragen ortet der Rechtswissenschaftler auch im Wettbewerbsrecht und verweist dabei vor allem auf den Umgang mit neuen digitalen Plattformen. «Die Behörden brauchen hier zwingend noch mehr gute Schnittstellen zu Wissenschaft und Wirtschaft, um Trends frühzeitig erkennen und Knowhow austauschen zu können.»

Mehr Mut zum Experiment erwartet Gasser in diesen Fragen vom Regulator. Positive Beispiele wie die aktuelle «Krypto-Offensive» oder die Einführung eines bewilligungsfreien Raums («Sandbox-Regulierung») für Anbieter von innovativen Finanztechnologien (Fintech) geben aus seiner Sicht den richtigen Weg vor. In Zukunft sollen nicht mehr nur Startups aus der Fintech- und Blockchain- oder Drohnenbranche ihre kreativen Ideen unter verbesserten Rahmenbedingungen vorantreiben können, sondern auch alle anderen Entwickler von digitalen Geschäftsmodellen. Es brauche dazu zwingend neue Konzepte, um die entsprechende Lernfähigkeit von Recht und Regulierung kontinuierlich sicherstellen zu können, ergänzt Urs Gasser. «Diesbezüglich herrschst institutionell auf jeden Fall Nachholbedarf.»

Pensionskassengelder mehr vorwärtsgerichtet nutzen

Markantes Verbesserungspotenzial bei der staatlichen Wirtschaftsförderung ortet auch eine prominent besetzte Gruppierung von ehemaligen und aktiven Schweizer Unternehmern, Wissenschaftlern und Politikern, die sich im Rahmen der Stiftung Zukunftsfonds Schweiz für bessere Startchancen von Jungunternehmen einsetzen. In erster Linie geht es der Stiftung darum, steuerliche Hindernisse für Startups abzubauen und gleichzeitig Buchungsvorschriften aufzuheben, die Venture-Kapital-Investitionen durch Pensionskassen erschweren.

An vorderster Front für den Unternehmernachwuchs weibelt der heute 82-jährige Henri B. Meier, ehemaliger Weltbank Divisionschef, Roche-Finanzchef und Biotechunternehmer, dazu überzeugter Startup-Förderer sowie Stifter einer Professur für finanzielle Unternehmensführung an der Universität Basel und der Unternehmerschule der Universität St. Gallen (HSG).

Der Mentor des Zukunftsfonds Schweiz kritisiert, dass gerade innovative und zukunftsorientierte Startups, die entsprechend viel Kapital und eine lange Investitionszeit beanspruchen, steuerlich meist benachteiligt würden. «Bevor sie überhaupt loslegen können, müssen sie einen Teil ihres ‹Samens› respektive Startkapitals als Stempelsteuer nach Bern schicken.» Dazu kämen infolge des benötigten Kapitals in vielen Kantonen Vermögenssteuern obendrauf. «Dies hat zur höchst unbefriedigenden Situation geführt, dass die meisten Fonds mit Ersparnissen aus der Schweiz heute im Ausland gegründet werden.»

Die steuerliche Entlastung der kreativen Jungwirtschaft haben sich Henri B. Meier und seine Mitstreiter des Zukunftsfonds Schweiz ebenso auf die Fahne geschrieben wie einen möglichst raschen Abbau von bürokratischen Vorschriften, die in den letzten Jahren förmlich explodiert seien. «Auf zehn Angestellte brauchen KMU heute einen elften, der die ganzen anfallenden Formulare ausfüllt.»

Das grösste Potenzial für die Erhaltung des Schweizer Lebensstandards sieht der hocherfahrene Ex-Manager und -Unternehmer indes in der Errichtung eines potenten Zukunftsfonds mit Hilfe von Pensionskassengeldern. Einiges an Überzeugungsarbeit wurde schon geleistet. «Die Erkenntnis, dass die Schweiz Intermediäre für Risikokapital braucht, ist mittlerweile recht weit verbreitet», sagt Henri B. Meier.

Ebenso die Erkenntnis, dass Venture-Capital-Gesellschaften als Intermediäre von Risikokapital entscheidend sind für die Förderung von Innovation und Wachstum in einem Land. Er lobt diesbezüglich die USA, wo Erfolgsgeschichten wie Google, Facebook und Co. unter anderem möglich geworden sind, weil die nationalen Pensionskassen heute rund fünf Prozent ihres Vermögens in Venture Capital (Risikokapital) investieren. «Würden die schweizerischen Pensionskassen dasselbe tun, könnten bis in 25 Jahren rund 40 Milliarden Franken Risikokapital geäufnet und zur Förderung der Startup-Wirtschaft gebraucht werden.»

Einen Teil davon könnte sicherlich die Drohnenbranche gebrauchen, die ebenso in der Startphase ihrer Entwicklung steckt wie etliche weitere Industrien, die sich in technologisches und digitales Neuland vorwagen. Auch was gesetzliche Auflagen betrifft, steuern die Fluggeräte aktuell auf mehrere grosse Herausforderungen zu. Einerseits geht es um Bestimmungen im Zusammenhang mit dem Drohneneinsatz über dicht besiedelten Gebieten, anderseits um autonome Flugeinsätze ausserhalb der Sicht- und damit Kontrolldistanz von Menschen. Hier sind verbindliche Regelungen und Gesetze rund um Sicherheit und Haftung notwendig, um dereinst zum Beispiel Paketlieferservices via Drohnen kommerziell betreiben zu können. Patrick Thévoz sitzt bei den aktuellen Verhandlungen mit den Behörden nicht in der ersten Reihe, weil seine Flyability-Drohnen vorderhand nur indoor eingesetzt werden. Von seiner Lausanner Branchenkollegen vernimmt er indes, dass die Gespräche kooperativ verlaufen.

Robert Wildi

Die Stechuhr ausschalten

Immer mehr von uns sind örtlich und zeitlich flexibel arbeitstätig. Gerade Kadermitarbeitende verfügen meist über eine hohe zeitliche Autonomie und arbeiten auch zu Hause oder unterwegs.

Diese Praxis verstiess allerdings lange Zeit faktisch gegen das Gesetz: Denn es verlangte auch von solchen Mitarbeitenden strikt, dass die Arbeitszeit genau erfasst wird. Seit Anfang 2016 gibt es Möglichkeiten, auf die Arbeitszeiterfassung zu verzichten – oder sie zumindest stark zu vereinfachen. Einige Voraussetzungen müssen aber erfüllt sein.

Im Arbeitsgesetz (ArG) finden sich die zwingenden Regelungen zu den Arbeits- und Ruhezeiten. So beträgt etwa die wöchentliche Höchstarbeitszeit nach Artikel 9 ArG für Arbeitnehmende in Industrie, Büros und auch für das Verkaufspersonal von Grossbetrieben des Detailhandels 45 Stunden; für alle andern sind 50 Stunden pro Woche die Obergrenze.

Selbst die Pausen sind gesetzlich geregelt: Bei einer täglichen Arbeitszeit von mehr als fünfeinhalb Stunden ist eine Viertelstunde, bei mehr als sieben Stunden eine halbe und bei mehr als neun Stunden eine ganze Stunde Pause zu gewähren. Die tägliche Ruhezeit darf nicht weniger als elf Stunden betragen, und nicht nur die Dauer, sondern auch die Lage der Pausen von einer halben Stunde und mehr muss dokumentiert werden.

Allerdings fallen nicht alle Arbeitnehmenden in den Geltungsbereich des Arbeitsgesetzes. Arbeitnehmende mit höherer leitender Tätigkeit zum Beispiel – wie meistens die Mitglieder der Geschäftsleitung – sind davon ausgenommen.

Ausserdem kann der Arbeitgeber die Erfassung der Arbeitszeit an die Arbeitnehmenden delegieren, sofern er ihnen die entsprechenden Instrumente zur Verfügung stellt und mit Stichproben kontrolliert, ob sie auch benutzt werden.

Und seit Anfang 2016 gibt es zwei Alternativen zur strikten Arbeitszeiterfassungs- und Dokumentationspflicht, und zwar in den Artikeln 73a und 73b der Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz .

Drei Bedingungen für den Verzicht

Damit Arbeitnehmende jeweils auf ein Jahr hinaus im gegenseitigen Einvernehmen mit dem Arbeitgeber schriftlich ganz auf die Zeiterfassung verzichten können, müssen insbesondere folgende Bedingungen erfüllt sein:

  1. Es muss ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) vorliegen, unterzeichnet von der Mehrheit der repräsentativen Arbeitnehmerorganisationen, insbesondere der Branche oder des Betriebs. Dieser GAV muss besondere Massnahmen für den Gesundheitsschutz und die Einhaltung der gesetzlichen Ruhezeiten enthalten sowie eine interne Anlaufstelle für Fragen zu den Arbeitszeiten bezeichnen.
  2. Die oder der Arbeitnehmende muss umgerechnet auf ein Arbeitspensum von 100 Prozent jährlich mehr als 120 000 Franken brutto (inklusive Boni) verdienen und
  3. Sie oder er muss über mindestens 50 Prozent der zu leistenden Arbeitszeit frei verfügen können.
Eine Vereinbarung reicht

Mit einer blossen Vereinbarung auf Betriebsebene ohne GAV können Unternehmen und Arbeitnehmende dagegen die Vereinfachung der Arbeitszeiterfassung aushandeln. Dafür gibt es insbesondere folgende Voraussetzungen:

  1. Die Arbeitnehmenden müssen über mindestens 25 Prozent Arbeitszeitautonomie verfügen und
  2. Die Abmachung muss jährlich in einem paritätischen Verfahren überprüft und neu abgesegnet werden.

Unter diesem Regime müssen nun nur noch die tägliche Arbeitsleistung und für Nacht- und Sonntagsarbeit jeweils Anfang- und Endzeiten dokumentiert werden.

Noch einfacher ist es für Betriebe mit weniger als 50 Mitarbeitenden. Hier kann die vereinfachte Zeiterfassung individuell mit jedem Arbeitnehmenden schriftlich vereinbart werden. Darin muss aber auf die geltenden Arbeits- und Ruhezeitvorschriften hingewiesen und zusätzlich ein jährliches Gespräch zur Arbeitsbelastung geführt werden, das dokumentiert werden muss.

Adrian Weibel
ist Anwalt und Leiter des Rechtsdiensts der Schweizer Kader Organisation SKO. Der SKO-Rechtsdienst steht allen Mitgliedern für Beratungen in sämtlichen Rechtsbereichen kostenlos zur Verfügung: rechtsdienst@sko.ch

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Gegenüberstellung

Das Medizinal-Startup Cutiss aus Zürich und das Medical-Software-Unternehmen Mindmaze aus Lausanne über das Spannungsfeld von Regulierung und Kreativität.

Fabienna Hartmann-Fritsch (rechts) ist CTO und Claudia Sax Steffen Administrative Managerin der CUTISS AG mit Sitz in Zürich. Sie stellt personalisierte Hautsubstitute her, welche momentan in klinischen Studien getestet werden. Diese Hautsubstitute können Patienten helfen, die an Hautdefekten wie Verbrennungen oder Narbenkorrekturen leiden und chirurgisch behandelt werden müssen.

Tej Tadi ist der Gründer von MINDMAZE, einem Spinoff der ETH Lausanne aus dem Jahr 2012. Es entwickelt intuitive Mensch-Maschine-Schnittstellen für Patienten und Nutzer verschiedenster Fachgebiete. Das Unternehmen mit Sitz in Lausanne hat Büros in San Francisco, im UK, Frankreich und Rumänien. © 2016 Robert Huber

Steht Regulierung der Kreativität Ihres Unternehmens im Weg?

Tej Tadi, Mindmaze: Ja und nein. Das Gesundheits-Geschäft ist zwar reguliert, aber das sehr pragmatisch. Die Leitlinien der Regulierung einzuhalten, kann zwar die Entwicklung verlangsamen, das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber das muss noch keineswegs die Kreativität beeinträchtigen. Wenn man sich in den Markt vertieft und einen klaren Überblick des Gesamtprozesses und der Ziele im Zusammenhang mit Sicherheit und Performance gewinnt, erkennt man den Sinn der Regulierung und versteht, dass Kreativität und Regulierung koexistieren. Claudia Sax Steffen und Fabienne Hartmann-Fritsch, Cutiss: Wir sind im Bereich von klinischen Studien tätig, wo Regulierung und Kontrolle eine entscheidende Rolle spielen. Bis man in die Klinik kommt, kann man sehr vieles ausprobieren und kreative und innovative Ideen umzusetzen versuchen. Sobald es jedoch Richtung Anwendung am Menschen geht, ist Regulierung oft nicht nur ein Hemmnis, sondern sogar das Ende oder – bildlich gesprochen – der Tod einer kreativen Idee.

Wo liegt der grösste Konflikt, wo gibt es Kompromisse?

Mindmaze: Eine gänzlich neue Technologie auf den Markt zu bringen, ist kompliziert – vor allem auch wegen der Regulierung. Es verlangt Monitoring, Überwachung und klare Nachweise, um die Zulassung zu erhalten. Wenn man nicht aufpasst, wird ein fortschrittliches Produkt obsolet, noch bevor es Marktreife erreicht hat. Kompromisse werden möglich, wenn man Best Practices aus anderen Geschäftsbereichen in den Zulassungsvorgang impliziert. Cutiss: Kompromisse können im Bereich der klinischen Forschung keine gemacht werden. Die Sicherheit für die Anwendung am Menschen kommt immer an erster Stelle. Damit eine brandneue und kreative Idee erfolgreich umgesetzt werden kann, muss sehr viel stimmen.

Kreativität braucht auch Steuerung: Wie sieht Ihr Ideenmanagement aus?

Mindmaze: Mit einer klaren Vision und einem grossartigen Team – was wir beides glücklicherweise haben – können wir innerhalb kritischer Zeit an Meilensteinen arbeiten, ohne die Kreativität zu beschneiden. Dazu muss man das Team ermächtigen, seine Stärken voll auszuspielen – und dafür sorgen, dass alle dabei auf das Ziel fokussieren. Cutiss: Das Ideenmanagement ist in unserem Fall die Grundlagenforschung, die durch fortlaufendes Experimentieren neue und oft überraschende Erkenntnisse generiert. Diese wiederum verlangen geradezu, dass man neue Ansätze ausprobiert, abklärt, rumtüftelt und versucht, Ideen weiterzuentwickeln.  
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Didier De Courten

Sternekoch und Hoteliér in Sierre

Die zündende Idee
Die Eröffnung eines Hotels und eines Restaurants inmitten von Sierre, mit einer zentralen Küche, aus der zwei Lokale bedient werden: Das Restaurant «Gastronomique Didier de Courten» und die «Brasserie l’Atelier Gourmand». Was eine gleichbleibende perfektion der Abläufe garantiert.
Blick in die Zukunft
Mein Team wird sich permanent weiter entwickeln.
Die Überzeugung
Zentral ist eine maximale Vielseitigkeit in den Unternehmungen: Mit dem Hotel, einer Brasserie, einer Weinbar, einem Ladengeschäft und dem Gourmetrestaurant. Wir wollen die hohen Erwartungen der Gäste erfüllen.
Die Dienstleistung
Kreativität im ständigen Streben nach Exzellenz, um unser Angebot zu verbessern.
Das Ziel
Das Erreichte bewahren, die Belegschaft zu neuen Topleistungen motivieren und einen weiteren Michelin-Stern erringen. Das Hotel Restaurant Didier de Courten in Sierre im Wallis geniesst weite über die Region hinaus einen hervorragenden Ruf. Der «Geschmacksarchitekt» de Courten begeistert mit seinen Kreationen und schmückt das Hotel Terminus mit 19 Gault&Millau-Punkten und zwei Michelin-Sternen. Didier de Courten

Kreativ – am besten ohne Erlaubnis

Das Internet ist eine mächtige Innovationsmaschine, weil es allen die gleichen Möglichkeiten bietet. Noch.

Kreativität wird durch Technologie beflügelt, seit Menschen das Feuer gebändigt haben. Technische Lösungen sind dabei niemals Einzelfälle: Sie sind die Kinder einer neuen Methode oder einer Erfindung, die mit einem Mal Wellen an Innovationsschüben durch die Gesellschaft schickt. Für die Geschichtsschreibung haben wir den grössten (und jüngsten) dieser Wellen Namen gegeben: Die erste industrielle Revolution brachte mit der Dampfmaschine eine weitreichende Mechanisierung; die zweite mit der Massenproduktion eine Homogenisierung der Gesellschaft; die dritte mit der Digitalisierung eröffnete das Zeitalter der Information. Die vierte steht uns bevor: Sie wird, wenn wir sie richtig gestalten, vernetzte Maschinen zu autonomen Dienstleistungssystemen für die Menschen machen.
Disruption ist Fortschritt
Jede dieser Wellen hat eine zweite nach sich gezogen: die Regulierung durch die Politik. Vordergründig ging es dabei immer darum, die Menschen vor negativen Auswirkungen der neuen Technik zu schützen. In Tat und Wahrheit haben aber vielfach jene Kreise ihre Interessen geschützt, deren neue Lösungen Einfluss und Verdienst zu schmälern drohten. Schlechte Regulierung führt dazu, dass Kreativität sich nicht im Dienste des Allgemeinwohls entfalten kann. Doch die Kreativität findet immer wieder Schlupflöcher. Wenn das geschieht, ist heute die Rede von «Disruption» – der Verdrängung eines alten durch ein innovatives, radikal anderes Lösungsmodell für ein Problem. Genau genommen wäre das eine positive, progressive Entwicklung und angeblich wird sie begrüsst. Wenn aber selbst in der Schweiz, dem laut OECD innovativsten Land der Welt, Unternehmen mit Sondersteuern für den Einsatz von Robotern belegt werden sollen, dann zeigt sich, dass die Politik noch nicht in der Lage zu sein scheint, die Potenziale dieser beschleunigten Entwicklung für die Antworten auf die grossen sozialen und ökologischen Fragen unserer Zeit zu nutzen. Natürlich hat die Digitalisierung für viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen gravierende Folgen. In der Bilanz aber stellt das weltumspannende Netzwerk die wahrscheinlich niederschwelligste und demokratischste Ermächtigung dar, die es je gegeben hat. Denn das Internet, obwohl militärischen Ursprungs und technisch hochkomplex, weist einen bisher nicht gekannten Grad an Offenheit in seiner Architektur auf. Es ist eine eigentliche Emanzipationsmaschine. Das heisst, dass jeder, der die technischen Protokolle einhält, damit anstellen kann, was ihm beliebt: Er muss niemanden um Erlaubnis fragen und sich den Zugang nicht teurer oder abhängig vom Geschäftsmodell erkaufen. Das Internet ist nicht nur offen in seiner Architektur, es ist auch so aufgebaut, dass es weder zentral kontrolliert noch zerstört werden kann: Das war sein ursprünglicher, vom US-Militär angestrebter Zweck.

Demokratische Infrastruktur

Es ging den Architekten des Internets beileibe nie darum, «Anarchie» oder gar einen «rechtsfreien Raum» zu schaffen. Es ging darum, durch die offene und globale Vernetzung der Ideen das grösste Potenzial für kreative Lösungen zu schaffen. So konnten zwei clevere Studenten eine Suchmaschine namens Google lancieren, eine andere den persönlichen Tauschdienst für digitale Daten, ein dritter ein kostenloses Mitmachlexikon und die vierten ein bargeldloses Zahlungssystem auf Basis einfacher Mobiltelefone: M-Pesa hat in Kenia die Gesellschaft revolutioniert. Das Konzept der niederschwelligen Erfindungen hat einen Namen: «Permissionless Innovation», erlaubnisfreie Innovation. Es unterscheidet sich grundsätzlich von den proprietären Plattformen kommerzieller Anbieter, die Kreativität nur im Rahmen ihrer eigenen Interessen gegen Geldzahlungen zulassen. Beispiele dafür sind Parallelentwicklungen zum Internet, in der Schweiz beispielsweise das Videotex-System der PTT: Auch darauf waren schon digitale Angebote vom Pokerspiel bis zum Telebanking möglich. Aber erstens waren sie nur mit den Geräten der PTT abrufbar und zweitens erhielt auf Anbieterseite nur Zugang zum System, wer eine gewisse Marktgrösse aufwies. Natürlich hat sich die Realität der Marktverhältnisse auch im Internet abgebildet: Apple und Google beherrschen heute gemeinsam den Markt für Smartphone-Apps und daran wird sich so bald nichts ändern. Solange daneben aber jede und jeder mit einer besseren Idee den Zugang zum System und damit zum Publikum ebenfalls bekommt, dient das System immer noch allen: Selbst die Grossen stehen unter dem ständigen Druck, den die Kreativität der Gesamtheit aufbaut. Gerade weil die Grosskonzerne und durch diese beeinflusst auch viele Politikerinnen und Politiker versuchen, die grundlegende Architektur des Internets für die Erhaltung des eigenen Einflusses zu vereinnahmen, entsteht derzeit an den Rändern eine neue Welle der Dezentralisierung. Sie geht zwar noch im allgemeinen Getöse zu den Kryptowährungen unter, aber die Zeiten der Dominanz einiger weniger Unternehmen, die nicht demokratisch kontrolliert werden, neigen sich dem Ende zu. Es werden sehr bald neue, komplett dezentral aufgebaute Dienste auf Basis der Blockchain-Konzepte auftauchen, die sich nicht mehr so einfach kapern lassen. Und noch weiter in der Zukunft werden wir auch eine auf «Open Hardware» und «Open Knowledge» basierte Basisinfrastruktur haben, in welcher jedes Device – sowohl als Client wie als Server – Teil eines grossen Netzwerkes sein wird. Das heisst, solange die beiden Grundbedingungen der erlaubnisfreien Innovation bewahrt werden: die Wahrung der Gleichbehandlung aller Teilnehmer im Netz und der freie, uneingeschränkte Zugang.
Deregulierung verhindert Wettbewerb
Es geht nicht nur darum, niemandem die alleinige Kontrolle über den Zugang zum Netz zu gewähren, damit die Kreativität sich voll entfalten kann. Die Chancengleichheit für jede neue Idee setzt auch voraus, dass die Datenpakete aller genau gleich behandelt werden, egal, durch wessen Netz sie gerade weitergereicht werden. Denn nur dadurch hat das Startup vom Tschoppenhof im Kanton Baselland die gleichen Möglichkeiten wie der Tech-Gigant im Silicon Valley, auf der ganzen Welt eine Kundschaft für seinen herausragenden neuen Dienst zu gewinnen. Dieses zweite Prinzip, die «Netzneutralität», ist unter Beschuss. Denn die Infrastrukturbetreiber würden längst gerne ihre meist exklusiven Netze vergolden, indem sie nicht nur für den Zugang zum Netz, sondern auch für die Durchleitung der Daten an den Empfänger Geld verlangen. Man nennt das auch moderne Wegelagerei. So verständlich ihre Haltung auf den ersten Blick scheint, wäre ein Nachgeben (wie es die US-Regierung in Teilen getan hat) der Todesstoss für die erlaubnisfreie Innovation. Denn mit der Aufhebung der Netzneutralität entstünde ein unüberschaubarer Dschungel an Durchleitungsgebühren und Wegzöllen in einem Netz, das just deswegen so effizient ist, weil erstens alle Datenpakete gleich weitergereicht werden und zweitens keine festen Routen existieren, sondern jedes Paket autonom den schnellsten Weg nimmt. Mit der Netzneutralität würde dieses Effizienzsystem wegfallen. Das Internet würde zu einer ähnlich proprietären Infrastruktur wie die Telefonnetze oder einst Videotex. Der freie Zugang zu Milliarden potenzieller Kunden würde für innovative Startups plötzlich zum Kostenfaktor oder unbezahlbar. Es ist das Gegenteil der Förderung von Kreativität. Die gesetzliche Sicherstellung der Netzneutralität hingegen würde den Wettbewerb beflügeln und damit eine wichtige Grundlage für den Wirtschaftsstandort Schweiz bilden. Andreas Von Gunten Der Aargauer Internetunternehmer und Verleger bezeichnet sich selber als links-libertärer Humanist. Er ist unter anderem Dozent am Institute for Digital Business der HWZ, Mitglied der Digitalen Gesellschaft und der Digitalen Allmend, Mitglied Kerngruppe Task Force URG, Mitglied des Vorstandes der SP Sektion Kölliken sowie der Geschäftsleitung der SP Aargau, Gemeinderat in Kölliken und Autor des Buchs «Intellectual Property is Common Property».

Das Urheberrecht reguliert nicht: Es baut den Markt nach

Bisweilen wird Kreativität nur möglich, wenn das Recht Freiheiten schützt, sagt der Direktor der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

Geistiges Eigentum wäre einfach, wenn es so eingerichtet wäre wie das Sacheigentum: Alle Kontrolle liegt beim Eigentümer. Mein Joghurt gehört mir.

Einfach wäre auch eine Welt, die das geistige Eigentum überhaupt nicht schützt: Erfindungen und Kunstwerke nutzt jeder, der kann. Der Geist ist aus der Flasche.

Wir zahlen Urheberrechtsgebühren auch für die Chance, die sich bietet: für die Freiheit der Nutzung.

Die Zivilisation und Ökonomisierung der Welt hat über Generationen hinweg einen Zwischenweg entwickelt: Das Geistige wird geschützt, aber mit Grenzen.

Der Ausgangspunkt: Erfindungen haben einen Wert. Jeder soll die Chance kriegen, seine Texte, Filme, Musik, Bilder und Kunst zu verwerten. Die kreativen Menschen und ihre Helfer, die Verlage und Produzenten – sie vertrauen auf ihre Verwertungschance und sie brauchen dazu Partner: Manager, Agenturen oder Verwertungsgesellschaften.

Das Aber: Weil es auch eine Kreativität der Verwendung von Vorbestehendem gibt, stehen rund 20 Ausnahmen vom Urheberrecht im Gesetz. Die Gesellschaft nimmt die geistigen Geschenke der Künstler und Produzierenden gerne an und lässt sich inspirieren, darf zitieren – und weiteres mehr. Gerade die Digitalisierung öffnet hier neue Türen. Das Gesetz soll vermeiden, dass Lizenzen zu Sand im Getriebe der Wirtschaft, der Wissenschaft und Gesellschaft werden.

Hier haben Verwertungsgesellschaften eine zweite Rolle. Sie sind Öl im Getriebe.

Zum Beispiel der Eigengebrauch, die Kopiervergütungen der Betriebe und Schulen. Der Einzelne müsste sich mit viel Aufwand um jede Kopie und Werknutzung kümmern, die irgendwer irgendwo mit irgendwelchen Techniken produziert, und er könnte die meist kleinen Beträge schwerlich selber einfordern und abwickeln. Die Lösung des Gesetzes: Um die Nutzer von Texten, Bildern und anderen Schöpfungen in Ruhe zu lassen, erlaubt das schweizerische Urheberrechtsgesetz das Kopieren im Unterricht und bei der Arbeit, soweit es den Markt für kulturelle Güter nicht schädigt. Man muss für einen Medienspiegel nicht die Verlage fragen, man darf ein Buchkapitel ohne Bewilligung in der Klasse verteilen. Die Verwertungsgesellschaften rechnen pauschale Vergütungen ab, und zwar aufgrund eines offiziellen Tarifs und unter Aufsicht einer Fachbehörde.

Vielleicht kopiert gar niemand dieses Werk oder die Entschädigung wird für ganz andere Dinge verwendet als für das Werkschaffen? Das mag sein, doch es ist rechtlich geklärt, dass jeder Betrieb bei gegebenen Voraussetzungen die pauschale Entschädigung schuldet. Man zahlt eben auch für die Chance, die sich bietet, für die Freiheit der Nutzung. Müsste man den direkten Gegenwert abrechnen, hätte man ein Übermass an Bürokratie auf sicher. Im pragmatischen System der Schweiz aber ist man mit einem angemessen bescheidenen Beitrag Teil eines Ausgleichs.

Braucht es für dieses Abwägen zwischen dem Rechtsschutz und den Nutzungsfreiheiten eine Regulierung? Nein, denn das Urheberrecht ist Gesetz – und findet daneben im Privatrecht statt. Gerichte und Behörden stehen an der Seitenlinie und wirken als Schiedsrichter, aber sie regulieren nicht. Stattdessen agieren hauptsächlich die Verwertungsgesellschaften und bauen Brücken zwischen den Inhabern und den Nutzern der geschützten Leistungen.

Die fünf Verwertungsgesellschaften ( ProLitteris SUISA SUISSIMAGE SWISSPERFORM und SSA ) folgen den Prinzipien des Marktes: Sie bündeln das Rechteangebot und die Nutzungen – und sie erleichtern beides. Vorausgesetzt wird immer, dass sie korrekt, transparent und effizient arbeiten.

Das geistige Eigentum soll nicht verbieten, sondern ermöglichen.

Auf den Seiten dieser urheberrechtlichen Brücken steht ein blühendes Geflecht der Chancen: die Chance der Nutzung von Text und Bild hier, die Chance der Entlastung und der neuen Kreativität dort. Wie der Geist, der aus der Flasche tritt, schaffen Verwertungsgesellschaften einen Wert. Sie liegen im öffentlichen Interesse. Das geistige Eigentum soll nicht verbieten, sondern ermöglichen. Ohne die Brücken in Form der kollektiven Verwertung gäbe es weniger Kultur und Kunst, weniger Wissenschaft und Wissen. Und es bräuchte mehr Regulierung.

Philip Kübler

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Die Reise zum Dienstleister

Schweizer Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle neu denken. Mit dem altbekannten Fokus auf Produkte lässt sich immer weniger Geld verdienen, die Zukunft liegt in vernetzten Produkten und Dienstleistungen. Dazu braucht es viel Offenheit.

Klassische Geschäftsmodelle sind in vielen Branchen ein Auslaufmodell. Gerade Schweizer Unternehmen geraten mehr und mehr unter Druck, wenn sie ihr Geld mit der Produktion von Waren verdienen: Herstellen lässt sich andernorts zu tieferen Kosten, und der Vorsprung bei Technik und Qualität hat eine zunehmend kürzere Halbwertszeit. Bessere Aussichten hat, wer sich vom Fokus auf die Produktion löst und sich stattdessen auf den Bereich der Dienstleistungen verlegt. Den Wandel durchlaufen zahlreiche Betriebe, die der digitalen Transformation ausgesetzt sind. Diese erschüttert Unternehmen in ihren Grundfesten und zwingt sie, sich stärker um die Beziehung zu ihren Kunden und Partnern zu kümmern.

Wer Erkenntnisse und die Kultur anderer ins eigene Unternehmen integriert, ist besser aufgestellt für die Herausforderungen einer vernetzten Welt.

Bisher entwickeln Firmen ihre Produkte in einem vergleichsweise abgeschotteten System, ein Einfluss des Endkunden auf den Produktionsprozess ist nicht vorgesehen. Verlässt ein Produkt das Unternehmen, wird die Verbindung zum Hersteller oftmals unterbrochen. Möglichkeiten für eine Rückmeldung des Endkunden über den Einsatz des Produktes existieren kaum, weshalb eine Weiterentwicklung aufgrund dieser Rückmeldungen nicht möglich ist.

Verbindung zum Produkt aufrechterhalten

Gelingt es Unternehmen hingegen, die Verbindung zu ihrem Produkt aufrechtzuerhalten, nachdem es die Fabrik verlassen hat, erhalten sie wertvolle Informationen. Nur so können sie über die gesamte Lebensdauer eines Produkts Daten zu Nutzung und Funktion sammeln. Was ihnen wiederum die Möglichkeit eröffnet, sich besser auf die Bedürfnisse ihrer Kunden abzustimmen und entsprechende Dienstleistungen anzubieten. Vor allem aber können sich die Unternehmen vermehrt auf die Leistungen konzentrieren, die sie erbringen.

Voraussetzung für ein derartiges Geschäftsmodell ist, dass die Produkte vernetzt sind. Erst das Internet of Things ermöglicht es, die Verbindung aufrechtzuerhalten, wenn die Güter beim Kunden sind. Die Daten, die damit verfügbar werden, machen neuartige Geschäftsmodelle attraktiv oder ermöglichen solche überhaupt erst.

Vollzieht ein Unternehmen den Schritt vom Produkt zur Dienstleistung, verändern sich die Einnahmen und vor allem deren Planbarkeit.

Vom Hersteller zum Dienstleister

Wie ein solcher Paradigmenwechsel aussehen kann, zeigt ein Projekt, das Zühlke für Dormakaba umgesetzt hat. Das Unternehmen ist weltweit bekannt als Anbieter von Schliesssystemen. Gross geworden ist es mit dem Verkauf von Produkten, die ein Drittanbieter oder der Kunde selbst einbauen und unterhalten kann. Mit dem Projekt exivo hat das Unternehmen gemeinsam mit Zühlke den Schritt vom reinen Produkthersteller zu einem digitalen Service-Provider unternommen, der ein cloudbasiertes Zutrittssystem anbietet.

Die Business-Plattform exivo ist eine typische Internet-ofThings-Anwendung. Über einen Cloud-Service verbindet sie das physische Produkt für Hersteller, Service-Partner und Endkunden. Bei exivo erfolgen alle Schritte in der Cloud, von der Planung bis hin zum Management des Systems. Der Kunde gibt lediglich noch an, wer wann wozu Zutritt haben soll. Um Technik und Konfiguration muss er sich nicht mehr kümmern. Den Einbau der Hardware, den Unterhalt der Plattform und das Accountmanagement übernimmt stattdessen Dormakaba. Auf diese Weise hat sich das Industrieunternehmen zum Dienstleistungspartner weiterentwickelt. Damit das System funktioniert, braucht es vernetzte Hardware.

Vollzieht ein Unternehmen den Schritt vom Produkt zur Dienstleistung, verändern sich die Einnahmen und vor allem deren Planbarkeit. Für die erbrachte Dienstleistung erhebt das Unternehmen anstelle eines einmaligen Kaufpreises eine regelmässig wiederkehrende Gebühr. Für den Kunden hat das den Vorteil, dass seine Investitionen weniger hoch sind, die Kosten für den Betrieb transparenter ausfallen und zugleich die Zuverlässigkeit steigt. Der Anbieter seinerseits kann mit seiner Dienstleistung und der Beziehung zum Kunden glänzen, anstatt dem harten Preiskampf der internationalen Konkurrenz ausgesetzt zu sein. Er verschafft sich eine zuverlässige Einkommensbasis, mit der er besser planen kann als mit dem reinen Verkauf von physischen Produkten.

Wer sich vom Fokus auf die Produktion löst und sich stattdessen auf den Bereich der Dienstleistungen verlegt, hat bessere Aussichten.

Neuland betreten

Die digitale Transformation verlangt Unternehmen indes viel ab. Sie müssen ihr angestammtes Territorium verlassen und Neuland betreten. Der dazu nötige Kulturwandel ist anspruchsvoll; damit er gelingt, müssen sich die Betroffenen vom früheren Silodenken verabschieden und stattdessen lernen, vernetzt zu denken. Denn erst, wenn sich die Mitarbeitenden aus den verschiedenen Abteilungen wie Produktion, Verkauf oder Wartung zusammensetzen, gegenseitig von den Erfahrungen der anderen profitieren und offen sind für neue Konzepte, können erfolgreiche neue Geschäftsmodelle entstehen.

Weiter braucht es eine Zusammenarbeit über Firmen- und Branchengrenzen hinweg, um sich beispielsweise fehlende Expertise im Bereich Dienstleistungen ins Haus zu holen. Eine solche Öffnung mag Kraft kosten. Wird sie jedoch gut umgesetzt, führt sie zu einer breit abgestützten Strategie. Wer Erkenntnisse und die Kultur anderer ins eigene Unternehmen integriert, ist besser aufgestellt für die Herausforderungen einer vernetzten Welt.

Hansjürg Inniger 

Guido Schilling

Die zündende Idee

Findet sich bei den Startups. Ich brenne für das Unternehmertum und habe immer ein offenes Ohr für gute Ideen.

Blick in die Zukunft

Jeder Executive Search ist ein Blick in die Zukunft. Ich finde heute die Kandidatinnen und Kandidaten, die morgen den Unterschied ausmachen!

Die Überzeugung

Grösstmögliche Diversität in den Führungsteams – nur so können wir die Herausforderungen der Zukunft nachhaltig erfolgreich meistern.

Das Produkt

Mein Netzwerk und die Partnerschaften, die ich in den 30 Jahren aufbauen durfte, machen mich stolz. Mein «Produkt» habe ich ständig angepasst aber das Rezept «Erfolg ist nie Zufall» blieb immer das Gleiche.

Das Ziel

Nachdem ich mich schon so lange für mehr Frauen an den Unternehmensspitzen der Schweiz einsetze, warte ich ungeduldig auf die Ausgabe des schillingreports, in der der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen die 20-Prozent-Marke erreicht.

Seit über 30 Jahren berät Guido Schilling als Executive Searcher namhafte Unternehmen und Organisationen bei der Besetzung von Topmanagement-Positionen. Einen wertvollen Beitrag für mehr Transparenz an der Spitze leistet er mit dem schillingreport, in dem er seit 2006 jährlich die Führungsetagen der 100 grössten Schweizer Unternehmen untersucht.

Ein Interview mit Guido Schilling im Rahmen der SKO 125-Jahre-Jubiläumskampagne finden Sie auf swissleaders.org

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Kulturelle Vielfalt und Integration «The Swiss Way»

Die Schweizer Kader Organisation wurde 1893 in Zürich als Werkmeister-Verband gegründet mit dem Bestreben, den Berufsstand zu fördern. 125 Jahre später setzt sich der Verband immer noch für die Rolle und Verantwortung der Führungskräfte, die Verbindung der Interessen von Unternehmung und Mitarbeitenden und die Unterstützung der SKO-Mitglieder in ihrem Fortkommen ein. Vielfalt und Integration sind dabei ständige Begleiter. Die Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum weist darauf hin, dass von Führungskräften mehr Mobilität erwartet wird und dass die Zunahme an kulturell durchmischten Teams verlangt, «Abstimmung zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass Arbeitsfähigkeit und Effizienz entstehen». Das Schätzen von kultureller Vielfalt ist eine Qualität in der Führung «The Swiss Way». Sie tragen zum sozialen Zusammenhalt bei. Dazu gehören miteinander zu reden, der Wille nach breiter Abstützung bei wichtigen Entscheidungen, eine gute Balance bezüglich Verantwortlichkeiten und eine Offenheit gegenüber Neuem.

Zahlreiche Schweizer Unternehmen sind von Personen mit Migrationshintergrund gegründet worden. Auch heute ist die Wettbewerbsfähigkeit von ausländischen Arbeitskräften abhängig. Ohne die traditionell hohe kulturelle Durchmischung wäre die Schweiz nicht so erfolgreich. Nichtsdestotrotz werden Bedenken laut, dass wichtige Werte der Schweiz aufgrund eines steigenden Anteils ausländischer Führungskräfte und einer Vielzahl multinationaler Firmen, in denen für gewöhnlich in Englisch kommuniziert wird, verloren gehen könnten. Diversität leben – also Zugehörigkeit vermitteln und Einzigartigkeit wertschätzen – bedingt eine Integrationsleistung. Wenn viel beschäftigte Expat-Manager sich nicht für Schweizer Eigenheiten und Befindlichkeiten interessieren und Rationalisierungsprogramme aus einer rein globalen Konzernoptik heraus umgesetzt werden, gefährden sie die Schweizer Kultur. Es braucht ein Miteinander: eine positive Haltung zu Vielfalt und gegenseitigen Respekt sowie ein gemeinsam verantwortetes Wertesystem für den Umgang mit Vielfalt, mit Rechten und Pflichten für alle Beteiligten.

Jürg Eggenberger
Geschäftsleiter SKO